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  • Kaminski ON AIR, Frieling und Walhall am Main

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    Es HALLt im Frankfurter Bockenheimer Depot. Und zwar gewaltig. Denn während die Baukräne des künftigen berüchtigten Kulturcampus da droben über der Kuppel des ehemaligen TATs in der Götter/Abenddämmerung schimmern (das gehört beiläufig nicht hierher), glänzt da drunter das Rheingold, Teil I der Wagnerischen Tetralogie. Doch ohne Wagnerischen Soundtrack - dafür im besten Stil der Einstürzenden Neubauten. Vorgetragen vom Multitalent Stefan Kaminski - als ein "dreidimensionales Hörspiel-Theater" in Rahmen seiner "Kaminski ON AIR"-Reihe. Und produziert von dem uns allen bekannten Ruprecht Frieling!

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    Bereits wenn man das Theaterhaus betritt, findet man die ungeheueren Bauten wieder.

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    Sogar die im Nebel schimmernden Theatermitarbeiter tragen dem Mythischen bei.

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    Nun sitzt man im Saal, inmitten der monströsen Bau-Gerüste, und es fängt an!

    Doch während der Wagnerische Ring mit dem Erhabenen geradezu erschlägt, sind die Charaktere bei Kaminski auf eine Olympische Art und Weise zickig, dümmlich und ab und zu pöbelhaft. Und sogar sympathisch. Das Faszinierende ist: Kaminski spielt alle Rollen, und tut es so glaubwürdig, dass man bald vergisst, dass dies ein One-Man-Theaterstück ist. Er überzeichnet manches, doch übertreibt nichts - das Komikhafte überschreitet nicht den Rubicon gen Klischée-Wüste.

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    Die Bezeichnung "One-Man-Stück" wäre vielleicht doch zu ungenau: zwar spielt Kaminski alle Rollen, und auch einige ausgefallene Instrumente wie Theremin. Doch er ist nicht allein.

    Hella von Ploetz erzeugt überirdische Klänge mit einer spezial entwickelten Glasharfe. Die dadurch entstehenden Klänge kann man nicht beschreiben. Man muss das Pulsierende und im Raum Umherwobende Bebende Wurbelnde Hindurchspeerende mit dem eigenen Bauch spüren.

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    Sebastian Hilken wechselt zwischen Percussions-Objekten und Kontrabass. Mal Taiko, mal Drum'n'Base, mal Militärtrommeln, und dann Blues-Saiten wibbern durch die Halle. Eine Multigenre-Orgie der besten Sorte.

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    Inhaltsmässig ist Wagners "Rheingold" ja ein Zeugnis der Impotenz der Weltherrscher: da werden die Walhall-Hallen von zwei sympathischen, aber dummlichen Riesen errichtet, im Auftrag des leichtsinnigen Gottes Wotan. Als Belohnung hat der Schnelldenkende die Göttin Freia versprochen, ohne zu überlegen, dass

    1. Freia eine Gottin ist, die eigentlich nicht als eine tarifliche Arbeitsvergütung in Frage kommt, auch im Öffentlichen Dienst
    2. Freia die Apfelbäume behütet, die den Göttern das Ewige Leben garantieren (was bei Freias Fernbleiben alle Götter sofort zu spüren bekommen werden)
    3. die Hallen irgendwann fertig sind, und die Arbeitnehmer streikend vor seiner Türe erscheinen.

    Das tun die beiden ja, nachdem Walhall-Bau zu Ende gebracht wurde.

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    Nix Erhabenes erwartet sie. Gott Wotan ist selbstsüchtig und hält sich nicht beim Wort.

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    Und da geht das Schlamassel los.

    Die Figuren sind mit klaren und kontrastreichen Farben gezeichnet. Wotan ist ein megalomanischer, selbstverliebter Nichtstuer. Fricka, seine Gattin und Göttin, ist vernünftig, dafür aber hysterisch. Freia läuft im Kreise herum wie Wildgestochene, kann man auch verstehen, in ihrer Situation. Fasolt und Fafner, die Riesen, sprechen Dialekte und sind Sympathieträger (auch wenn der einer den anderen eines Tages vermurkst). Loge, der Halbgott und Intrigant, ist plötzlich voll normal - seine Rolle wird nicht überspitzt dargestellt, er ist einer von uns, er rappt gerne und gibt sich für einen voll korrekten und menschlichen Typen. Erda, die Urmutter, ist jensets von Gut und Böse, kann man auch nachvollziehen, bei all der Bacchanalie drumherum.

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    Diese Interpretation von Wagners Ring ist eine konsequente Linie mit der Prinz Rupis (Frieling) Übertragung "Der Ring des Nibelungen" (als Buch erschienen): hier wird die Ring-Geschichte nacherzählt - urkomisch, mit knappen Worten und in die Modernität der Massmediae verschoben, so dass Bayreuth nur so knirrscht mit seinen Gold-Zähnen wegen der vermeintlichen Profanisierung und Penetration des Erhabenen durch das Nerdige. Auch in dem Moment, als plötzlich die deutsche Übersetzung der Schwarzen Sprache erklingt, in der die berühmt-berüchtigte Inschrift auf einem (nicht so) ganz anderen Ring verfasst wird:

    Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
    Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.

    Und einige Figuren mutieren zu Gollum. Mögen die Puristen sagen, was sie wollen, Intertextualität ist was sie ist. (Und auf dem Cover des Buches von Frieling funkelt der Tolkiensche Ring ebenso schön umher).

    Alles ist stimmig und stimmungsvoll in dieser Inszenierung - sogar das Licht, ein Element, das man leider als Hörbuch kaum wahrnehmen kann (daher gibt es aber Videoinszenierung als DVDs) - so eine gute Lichtarbeit  wie hier, sieht man selten.

    Und so vergehen 80 Minuten von "Rheingold" wie im Flug (der Walküren), Wagner hat dafür mehr als 2,5 Stunden gebraucht.

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    Und abschliessend ruft Kaminski hallend in den Saal:

    - Hier sind wirklich grossartige Räumlichkeiten. Bockenheimer Depot ist Walhall!

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    Und das stimmt: akustisch und visuell hallt es einen weg vom Hocker, wie es schon immer TAT.

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    Nach der Aufführung eilen die Zuschauer hinunter, zur Bühne, auf welcher Musikinstrumente, Hammer, Thereminvox, Glasharfen, Streichholzer und weitere seltsam klingende Gegenstände auf eine wunderbar chaotische Art und Weise angeordnet sind.

    Das Rheingold:

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    Die Glasharfe:

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    Die Partitur - man sieht, wie lebendig der Text ist - die Metamorphosen sind jedes Mal vorprogrammiert.

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    Mit diesem farbigen Marakas da in der Mitte läuft Freia wie die Wilde durch die Gegend, verzweifelt und entgeistert. RIMG0336

    Der lichtbringende Loge fummelt mit den Streichholzern und bringt - im Gegensatz zu Prometheus - keine richtige Antwort auf die Černyševskij-Frage des verwirrten Verpeilers Wotan: "Was tun?".
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    Die Bühne kann man stundenlang betrachten, doch leider müssen wir los - Walhalle wird für die Nacht geschlossen.

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    Es bleibt nur noch eines: wiederkommen. Denn es ist bei weitem nicht zu Ende. Apokalypse kommt noch.

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    Stefan Kaminski und Ruprecht Frieling.

    Und hier das Making-Of:

    Kunststeckbrief

    Was: Kaminski ON AIR - DER RING DES NIBELUNGEN
    Wo: Bockenheimer Depot
    Wann: Zyklus 1 (11./12./19./20.05.2013), Zyklus 2 (25./26./31.05/03.06.2013)
    Web: Oper Frankfurt / Internet Buchverlag

  • Franz Mon in der Romanfabrik

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    Konkrete Poesie ist das Flustern der Zeichen im Auge des Betrachters. Irrlichterierende Buchstabenkaleidoskope, erstarrte Hast eines dahingeworfenen Anagramms. Und Franz Mon - er ist mit seinen Ideogrammen der Meister, die Koryphäe dafür.

    RIMG0050Heute war er zu Besuch in der Romanfabrik - auf seinem Abend "Wortbilder". Und kaum war er da - wurde auch Romanfabrik an sich dekonstruiert, sie metamorphierte zu einem Ideogramm. Auf dem Plakat sowie auf der Einladungskarte (s. links) hat er zwei neue Ideogramme aus den Buchstaben R-O-M-A-N-F-A-B-R-I-K erstellt.

    In diesem Ideogramm dreht sich alles um O. Die Konsonanten RMNFBRK bleiben draussen, und die Vokale OAA - als weicher Kern - bleiben drin, geschützt. Nur das "i" inklusive das Tüpfelchen strebt hinaus ins weite Feld.

    Doch gleichzeitig verewigte Franz Mon sich selbst: man findet FRAN, man findet MON, doch Z und N hören nicht auf, miteinander ob der Existenzgültigkeit zu kämpfen.

    Man findet hier aber auch MAN, BAR, FORK und der freundliche MAN am BAR am Eingang der ROMANFABRIK serviert ausgezeichneten Sizilianischen Wein mit Tapas.

    Und langsam merkt man, dass alles Konkrete Poesie ist. Alles ist so konkret und so poetisch zugleich.

    Doch während du noch ungeduldig mit GABEL in deinen Tapas herumstöcherst, da kommt schon Franz Mon.

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    (Mediokre Epigonalitäten von Merzmensch)

    Zunächst bespricht er da droben die Klang-Lage, da gleich die Ausschnitte aus seinen Hörspielen erschallen werden.

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    Und während er noch dort verweilt, betrachten die Zuschauer die Ideogramme auf den Wänden, versuchen sie zu entziffern, versuchen sie zu lesen, versuchen dahinter zu kommen.

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    Und langsam, aber sicher folgen Offenbarungen, eine nach der anderen (und Sie, werte Leserinnen und Leser, können dieses Mysterium ebenso erleben - zur Auflösung markieren Sie einfach die scheinbar leere Zeile unter dem jeweiligen Bild [Merzmensch will ja nicht das Vergnügen vertreiben]).

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    Auflösung: niemals

    Oder das hier:

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    Auflösung: Optimist, was bei der Golgota-Symbolik gar sehr vielschichtig ist!

    Doch nun ist Franz Mon auf der Bühne und fängt an zu lesen. Die anfangs als schwach wirkende Stimme füllt plötzlich die ganze Romanfabrik. Alliterationen, Buchstabengedichte, splatterige Versionen bekannter Märchen, subversive Intertextualität, alles fängt plötzlich an, zu bebben, zu tanzen - wie die Letter in Ideogrammen, wie Faustsche Makrokosmos:

    Wie alles sich zum Ganzen webt,
    Eins in dem andern wirkt und lebt!

    Der Alchimist Franz Mon zeigt seine Macht über dem Zeichen.

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    Und da sage ich Ihnen, werte Leser, Hand aufs Herz: hier findet die Schönheit deutscher Sprache ihre Apotheose. Nur wenige konnten mich bisher mit dem indogermanischen Sprachklang akustisch verzaubern: Blixa Bargeld war's, beispielweise. Franz Mon gehört auch ausnahmslos dazu.

    Dann erschallt die wunderbare Hörspiel-Inszenierung seines Gedichtes "da der du bist" (siehehöre bei ubu.com). Vogelartig schweben Worte umher - lechts, rinks, dreidimensional im Raum (wer braucht schon 3D-Kinos...). Stimmen, mal skandierend, mal klagend, mal affirmativ, mal orgiastisch, und wieder bieder, mal rückwärts (nach der Aufführung macht Franz Mon eine interessante Bemerkung: das rückwärts gesprochenes "Du" klingt wie "Hut"). Wie ein Hut. Wie ein Hut. Du bist von vorne wie von hinten Anna. (Das gehört beiläufig nicht hierher, denn der Merzmensch sieht in jedem Menschen Merz).

    Und plötzlich merke ich etwas völlig Irres: während wir dem Hörspiel zuschauen, schaut Franz Mon uns zu. Ja, wir werden plötzlich zur Bühne, wie damals in Holland, als Schwitters und van Doesburg sich im Saal zurücklehnten, während die Zuschauer die Bühne besetzten. Eine Verschachtelung der Realitäten. Überführung der Kunst ins Leben und vica versa frei nach Peter Bürger.

    Danach - jaja, es wird so richtig transmedial - folgen Projektionen mit weiteren Beispielen seiner Konkreten Poesie und Ideogrammen.
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    Franz Mon erklärt, das die Ideogramme als Meditation entstehen (und als Meditation werden sie gelesen). Man nehme ein Wort und man schaue, wie die Letter in diesem Wort zueinander stehen/hängen/schweben. Man ziehe ein "i", man stauche ein "g", und plötzlich bekommen die entstehenden Phantasmen ihre Semantik.

    Und das stimmt: betrachtet man ein Ideogramm, folgen folgende Folgen (und das, liebe Leserinnen und Leser, ist ein einzigartiges Gefühl) :
    1) man sieht ein Buchstabengefüge
    2) man entdeckt langsam, dass die Buchstaben zueinander gezogen werden
    3) man erkennt das Wort
    4) das Wort bringt Bedeutung mit sich
    5) das Ideogramm ist auf einmal semantisch betont - und du siehst etwas völlig anderes als im Punkto 1).

    Schauen Sie doch selbst:
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    Was erkennen Sie? Nicht etwa ein Rorschach-esques gespiegeltes Bild? Und dann, im unteren Teil - I-L-U-S-...ILLUSION!

    Jetzt versteht man das Gespiegelt-sein, man versteht auch das wiederkehrende Chimärische des Wettlaufes zwischen Z und N (oder И)?

    Franz Mon erklärt: Das Auge erreicht das Denken über das Bild. Durch die Nutzung des Auges entsteht ein neuer Raum der Bedeutungen, der Raum, den der Künstler betritt und sich dort frei bewegt.

    Fürwahr, da wird einem synästhetisch zumute: der Auge fängt plötzlich an zu hören und zu denken.
    Und während Kriwet seine Mixed Media visuell überflutet, lässt Franz Mon die Lakonie des Wortes Universen spielen ("Auch ein Wort kann für mich ein Gedicht sein", sagte er einst).
    Und während Schwitters die mögliche (aber nicht unbedigt notwendige) Lesart seiner Merz-Bilder nur andeutet/nicht ausschliesst (s. meine Bemerkungen zu Schwitters-Tagung), lädt Franz Mon dazu regelrecht ein!

    Und niemand kann der Versuchung widerstehen, zu lesen, zu lesen, zu lesen, bis man endlich erkennt, entziffert, dechiffriert.

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    Selten habe ich so viele Zuschauer gesehen, die in Bildrahmen Löcher hineinstarren und die Buchstaben flustern, bis das Licht der Erkentnis auf ihren Lippen lächelnd aufgeht. Spätestens dann (aber eigentlich schon viel früher) versteht man die unheimliche Kraft und Dynamik, die in Ideogrammen von Franz Mon lauern. Und dann lassen sie nicht wieder los.

    Dieser Artikel wurde auch in der Frankfurter Gemeinen Zeitung veröffentlicht.

  • MMK Talks: Slominski schweigt

    Frankfurter Museum für Moderne Kunst veranstaltet die berühmten MMK Talks: The artists. Den im MMK ausgestellten Künstlern wird die Möglichkeit geboten, über ihre Werke in einem Gespräch zu berichten.

    Heute durfte man weder fotografieren, noch filmen. Das hat der berühmt-berüchtigte Aktionskünstler Andreas Slominski ausdrucklich untersagt. Er hatte seine Gründe. Er war heute nämlich an der Reihe mit dem Zwiegespräch über die Kunst.

    Slominski hat seit Achziger jede Menge Dinge verbrochen:

    * er stellte in MMK seinen berühmten mit Plastiktüten vollbepackten Fahrrad ab, eine detailgetreue Abbildung eines Obdachlosen-Fahrwerks. Ein Selbstbildnis, wie Slominski sein Werk charakterisierte. Ein Selbstbildnis nannte er auch das Original von einem Obdachlosen-Fahrrad, den er geparkt auf der Zeil eines Tages sah. Selbstbildnis. Subtil und tiefgreifend.

    *mit seiner Hilfe verschwand der "schönste Elfmeterpunkt" von einem Stadion (Slominski grub ihn schlichtweg aus)

    * angeblich (vereinzelten Gerüchten zufolge) soll er im berühmten Bremerhavener Kabinett für aktuelle Kunst eine Hand in die Wand eingemauert haben.

    Ein vielseitiger Schaffender, also.

    Und so sass der Moderator Mario Kramer (Sammlungsleiter des MMK) bereits auf der Bühne. Er wartete auf Godot Slominskij.

    - Ob er kommt? - fragte Mario Kramer fast nicht mehr rhetorisch das Publikum.

    Doch da kam Slominski. Slominski kam langsam. Slominski stieg die Bühne hoch. Slominski setzte sich auf den Sessel nieder. Slominski schwieg.

    Mario Kramer stellte Slominski vor. Die Ausstellungen und Projekte Slominskis sorgen für genug Zündstoff und irritierte Zuschauer, sagte Mario Kramer. Slominski schwieg.

    Ausstellungen und Projekte Slominskis sind radikal, wie die aktuelle Ausstellung in Metro Pictures Gallery, NY, sagte Mario Kramer. Slominski schwieg.

    Mario Kramer setzte fort: Metro Pictures Gallery befindet sich in dem kulturellen Brennpunkt New Yorks. Doch während die anderen kommerziellen Gallerien drumherum zum grössten Teil dekorativen Werke für Vorstand-Etage ausstellen, trug die Ausstellung Slominski einen schlichten und schockierenden Titel: "Sperm". Slominski schwieg.

    Deswegen ist es besser, riet Mario Kramer, ein Kurzvideo anzuschauen, das ein Besucher der Ausstellung gemacht hat.
    Und der Beamer leuchtete auf. Der neutrale Gesprächspartner (keine Interpretationen, aber auch kein Schweigen):

    Slominski schwieg. Die Ausstellung "Sperm", setzte Mario Kramer fort, öffnete am 12. September 2012. Einen Tag nach dem einschlägigen Jahrestag. Sie ist, setzte Mario Kramer fort, ein Umriss der amerikanischen Geschichte, ein komplexes Amerikabild. "Andreas, wie hast Du eigentlich damals Amerika wahrgenommen?" - richtete Mario Kramer seine Frage an Slominski. Und Slominski antwortete:

    (...)

    Nicht dass Slominski die ganze Zeit geschwiegen hat. Er hat aber auch kaum was gesagt. Er hatte wohl etwas gegen die Ergänzungsfragen. Wo? Was? Wer? All diese Fragestellungen ließen ihn kalt. Er schaute in die Ferne und lächelte ab und zu. Zu den Entscheidungsfragen war er gnädiger: Ja? Nein? Ja. Nein. Doch vor allem verwehrte er die Antwort auf die Kronfrage, die Mario Kramer wie ein Ritual nach jeder Beschreibung eines weiteres Projektes von Slominski stellte: "Welcher Künstler hat dich zu dieser Ausstellung inspiriert? Wen zählst du zu deinen Lehrern? Bei welchem Professor hast du eigentlich abgeschlossen?" Die Antwort war stets:

    (...)

    All diese Banalia - über das künstlerische Werden; darüber, was der Autor mit seinem Werk sagen wollte; darüber, wer den Autor  auf seinem Schaffesnwege beeinflusste; darüber, ob es Kunst sei oder weg solle -  all diese profanen Oberflächlichkeiten wehrte Slominski mit dem Schutzschild seines Schweigens ab. Und Mario Kramer kramte ausgerechnet solche Fragen hervor. Er ist Sammlungsleiter des MMKs. Er weiss, was er tut.

    "Sind Sie hier überhaupt freiwillig?" - fragte ein geladener älterer Herr aus dem Publikum.
    "Ich bin aus Freundschaft hier" - erwiderte Slominski - "Ich sehe aber kein besonderes Bedürfnis, etwas sagen zu müssen."

    Der MMK Talk wurde zu einem MMK Anti-Talk, zu einem Selbstgespräch des Moderators. Das Publikum wurde unruhig. Die ersten gingen. Und zu aller Übel ist mir die Tinte ausgegangen.

    Mario Kramer liess sich aber nicht beeindrucken, er setzte seine Beschreibung von Slominskis künstlerischen Schaffen fort. Er interpretierte auf eine irrsinnige Art und Weise Slominskis Aktionen, so dass die Hälfte des Publikums auf dem Boden vom Lachen rollte, die andere Hälfte begann, den Saal des heiligen Kunstaltars namens Museum zu verlassen. In ihren ästhetischen Gefühlen verletzt und entzaubert. Denn Slominski schwieg.

    Ein älteres Paar fügte hinzu, als sie an Mario Kramer vorbei gingen: "Vielen Dank für die vergelblichen Mühen".

    Doch Mario Kramer sprach bereits über die Slominskis Faszination für Fallen: Fuchsfallen, Iltisfallen, und sogar die berühmte "Fanganlage für Wildschweine", die im MMK ausgestellt war und den kompletten Gebäudeumriss von MMK darstellte.

    "Ob wir unser Publikum in die Falle gelockt haben?" - fragte Mario Kramer Slominski.
    "Ob Sie selbst in der Falle sind?" - fragte das Publikum Mario Kramer (im Bezug auf seine einsame Moderatorposition).
    "Bin ich selbst in der Falle?" - fragte Slominski sich selbst. Ja, er sprach.

    "Ist es hier eine Performance?" - stellte diese mega-peinliche Meta-Frage eine Dame aus dem Publikum, worauf Slominski  antwortete:

    (...)

    Eine einzig angemessene und weise Antwort. Fürwahr.

    "Wussten Sie, worauf Sie sich einlassen?" - fragte ein weiterer Empörter aus dem Publikum Mario Kramer.
    "Bei Andreas weiß man nie so genau" - erwiderte Mario Kramer - "Wir könnten auch als zwei Osterhasen verkleidet dieses Gespräch führen. Aber, als Abschluss unseres Talks, was mich doch all die Jahre quält, Andreas, ist die Frage: hast du damals im Bremerhavener Kabinett für aktuelle Kunst tatsächlich eine Hand eingemauert?"

    Slominski überlegte. Slominski schaute das Publikum an. Slominski schaute Mario Kramer an. Slominskis Antwort war:

    (...)

    Dieser Artikel ist in der Frankfurter Gemeinen Zeitung veröffentlicht.

  • Bankers Babylon. Teil 1. Wie man Dinge möglich macht.

    Ein Kulturtipp der Superlative in der Stadt am Main.

    Bankers Babylon kommt nach Frankfurt.

    Bankers Babylon

    Kurz und knapp, worum es hier geht:

    Am Mittwoch, den 21.3.
    veranstaltet
    die Onlinezeitschrift "Frankfurter Gemeine Zeitung"
    ab 19 Uhr
    ein Finanzspektakel über Frankfurt u. die Macht der Märkte
    in der Naxoshalle
    unter dem Titel "Bankers Babylon".
    Mit dabei das Theater Willy Praml,
    das Kellertheater Frankfurt,
    Rapper Florian Neeb,
    Klintsch,
    die MoonLightSisters,
    eine anonyme Zeugin aus der Finanzwirtschaft
    und Prof Klaus Dörre aus Jena.

    Alles über BankersBabylon - http://www.bankersbabylon.de

    Kommt alle und zahlreich!

    Den nächsten Teil veranstalten wir im Sommer, doch wer's nicht gesehen hat - hat's nicht gesehen. Und vice versa.

    Kunststeckbrief

    Was: Bankers Babylon. Teil I: Wie man Dinge möglich macht.
    Wo: Naxoshalle Frankfurt, Wittelsbacherallee 29, 60316 Frankfurt am Main, Deutschland
    Wann: am 21.03.2012 ab 19:00
    Web: http://www.bankersbabylon.de

  • Sarai: Die Liebe wird die Welt retten.

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    "Прошу тебя по-человечески: пиши честно и без лукавства"
    "Ich bitte Dich, sei ein Mensch: Schreibe ehrlich und ohne Hintergedanken"

    Große, düstere, wandfüllende Gemälde.
    Traurige Rembrandtschen Augen, von Furchen durchzogene Gesichter.

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    Liegende Figuren - hingelegt oder hingefallen? Ohnmacht und Hilflosigkeit?
    Gestalten, vom finsteren Hintergrund fast schon verschlungen. Aber immer noch da...
    Schwere Formen, dunkle Farben.

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    Und dazwischen - zwei Monitore mit Videoprojektionen:
    eine Zugfahrt, sonnige vorbeihuschende Landschaften;
    Waldspaziergänge;
    tropisch anmutende Strände, Tiefblau des Meeres, Hellblau des Himmels;
    ein spielender Junge - auf dem Feld, auf der winterlichen Eiskruste, lächelnd, heiter.
    Wolkenlose Kindheit, strahlend und naiv.

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    Die weißen Wände der Plattform Sarai vereinen diese zwei Extremen: die ausstrahlenden, dynamischen Videoaufnahmen des Glücklichen sowie das Desolate der herumirrenden, eingefrorenen Figuren.

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    "Dieses ausweglose Viertel um den Frankfurter Hauptbahnhof. Kaiserstrasse. Kennst Du jene Gegend?", fragt mich der Künstler Alexander Salivontchik, "Ich bin dort einem Russen begegnet.

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    Er war zwanzig Jahre jünger als ich. Doch sein Weg war zu Ende. Er ist einst aus Russland gekommen, mit Familie. Voller Hoffnungen, voller Pläne. Doch dann hat ihn seine Frau verlassen. War auf einmal weg. Er ist gefallen. Drogen, Obdachlosigkeit. Er war gestolpert. Er war ein Mensch wie ich, doch sein Leben war kaputt.

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    Aber als ich ihm zuhörte, als ich ihm meine Aufmerksamkeit schenkte - da hat er gestrahlt. Er hat das Licht wiedergefunden. Weil ein Fremder stehen blieb, statt vorbei zu gehen. Ich war ihm fremd. Er war mir fremd. Doch er war mein Bruder. Verstehst du? Er war mein Bruder. Das könnte ich sein. Das könntest Du sein. Das könnte jeder sein.

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    Aber das war er. Er war gestolpert. Doch in diesem Moment, als ich mit ihm sprach, fühlte er, dass er nicht allein war. Mein Leben ist mein Glück. Leben ist Wunder - ich habe meine Familie, ich habe diese Welt, ich lebe weiter.

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    Wir leben ein bitteres, verlogenes Leben. Wir leben ein wunderschönes Leben. Das ist dein Leben. Das ist mein Leben. Ein doppeldeutiges, ambivalentes, zweischneidiges Leben. Ich möchte diese Kontraste aufzeigen. Ich möchte den Menschen helfen, wie ich dem Bruder auf Kaiserstrasse half. Mit meiner Aufmerksamkeit. Damit die Liebe wieder in dieser Welt herrscht.

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    Liebe. Liebe! Die Liebe wird die Welt retten. Frei nach Dostojewski. Das ist meine Philosophie. Verstehst Du? Möchtest Du darüber schreiben? Dann bitte ich Dich, sei ein Mensch: schreibe darüber ehrlich und ohne Hintergedanken.”

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    Kunststeckbrief

    Was: Untitled. Alexander Salivontchik.
    Wo: Platform SARAI, Schweizer Str. 23 HH, 60594 Frankfurt am Main
    Wann: bis zum 28.02.2012
    https://www.facebook.com/events/343991922285764/

    Text: Merzmensch,
    Fotos: Aylin Karacan, Merzmensch
    (Dieser Artikel wurde zunächst in der Frankfurter Gemeinen Zeitung veröffentlicht)

     

  • Surrealistischer Filmbrunch.

    Frankfurter Gemeine Zeitung zusammen mit Merzmensch präsentieren im Kellertheater Frankfurt:

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    Kunststeckbrief

    Was: Surrealistischer Filmbrunch: Luis Buñuel / Salvador Dalí „Un chien andalou“ (1929), „Das Gespenst der Freiheit“ (1974)
    Wo: Kellertheater Frankfurt, Mainstrasse 2, Frankfurt am Main
    Wann: 30.10.2011, ab 12:00 / Eintritt frei / Brunch: 5 EUR

  • Schirn: JaJaNeinNein

    So ist es immer: man geht blindlings die Strassen entlang und merkt kaum was. Doch überall verbergen sich Gehemnisse. Wie beispielweise in Frankfurt Mitte. So sah ich neulich einen QR Code, gesprayt auf dem Boden einer lebendigen Einkaufsmeile:

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    Normalerweise würde man dieses ohne Kommentar links liegen lassen, doch ich war müßig genug (denn müßig muss ich sein), diesen Code mit meinem Handy zu scannen...

    ...und folgende Internet-Adresse kam zum Vorschein:

    http://www.jajaneinnein.de/

    Und sieht eine durchaus direkte Frage:

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    Nun, klickt man Ja! oder Nein!, kommt man zur Auflösung dieses Rätsels:

    Mit Ihrer Stimme haben Sie die Installation THE OZYMANDIAS PARADE der Künstler Ed und Nancy Kienholz beeinflusst und darüber bestimmt, ob der finstere Präsident der Parade ein YES oder ein NO über dem Gesicht trägt. Die spektakuläre Skulptur ist neben anderen Werken in einer Ausstellung der SCHIRN zu sehen, erstmals seit den großen Retrospektiven in New York, Los Angeles und Berlin im Jahr 1996.
    Quelle: http://www.jajaneinnein.de/index2.php

    Mit anderen Worten, Frankfurter Museum Schirn hat sich wieder mal was tolles ausgedacht. Mehr noch: auf der gleichen Webseite besteht Möglichkeit, sich in die Mailingliste einzutragen und dafür die Freikarte für die Ausstellung zu bekommen. Das hat Schirn bereits mit seiner vergangenen Ausstellung "Geheimgesellschaften" gemacht - und das war gut so.

    Wie dem auch sei, findet an diesem Freitag, am 21. Oktober um 19:00 die Eröffnung der Ausstellung. Und man wird sehen können, ob man mit unserer Regierung einverstanden ist oder nicht.

    Kunststeckbrief

    Was: KIENHOLZ. DIE ZEICHEN DER ZEIT.
    Wo: Schirn Kunsthalle Frankfurt, Römerberg
    Wann: 21.10.2011 um 19:00

  • Als wir noch dünner waren standen wir uns näher

    Chanson-Autor Georg Kreisler,
    interpretiert vom wunderbaren Duo Liederlich.
    Text von Aylin Karacan, mit Fotos meiner Wenigkeit, drüben bei der Frankfurter Gemeinen Zeitung.

  • Frankfurter Gemeine Zeitung stellt sich vor

    Es ist soweit, und die Frankfurter Gemeine Zeitung stellt sich vor.
    Viele sehenswerte Persönlichkeiten auf der Bühne!
    Mit Wort/Bild/Video und einigen Über-Raschungen!

    EILT! EILT! EILT!

    Wie man so schön sagt: ein Bild ist mehr als 1000 Pixel, von daher...

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    Na? Wer hat's erkannt? Der gute Tristan (mit seiner Isolde?).
    Achja: das Plakat wurde nicht von mir erstellt - und das bedeutet: FGZ ist Dada! Und das ist gut so.

    Wir versuchen aber, auch Online-Übertragung zu starten. Sage ich jetzt mal einfach so. Entweder auf der Hauptseite: http://kwassl.net, oder auch hier werde ich dann Livestream veröffentlichen (wenn alles klappt).

     

    Kunststeckbrief

    Was: Frankfurter Gemeine Zeitung stellt sich vor
    Wo: Keller-Theater, Frankfurt, Mainstraße 2
    Wann: 29.05.2011 um 18:00
    Medien: http://kwassl.net

  • experiment.lyrisch - Frankfurter Lyriktage 2011

    Ab morgen ist Frankfurt unsicher. Das besagt dieser Poster:

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    Nein, ich meine natürlich nicht Kanacken Welt. Sondern EXPERIMENT, lyrisch. Die Frankfurter Lyriktage sind in diesem Jahr unter dem Zeichen des Experiments - wie schön, wie scho¨n!

    Und ich bin diesmal wohl dabei - zwar nicht auf der Bühne, aber zumindest irgendwo im Publikum. Wer weiss, wann in Frankfurt das nächste mal die Experimentale stattfindet? Achja, Franz Mon kommt. Und Gert Scobel. Und viele andere.

    Also es wird sicher spannend. Und für die Konventionen wird es hoffentlich - zumindest diese Woche - nicht mehr sicher in Frankfurt sein.

    Kunststeckbrief

    Was: EXPERIMENT, lyrisch - Frankfurter Lyriktage 2011
    Wo: Frankfurt am Main, verschiedene Orte
    Wann: 24.-28.05.2011
    Medien: http://www.frankfurter-lyriktage.de

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