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Neubauten

  • Kaminski ON AIR, Frieling und Walhall am Main

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    Es HALLt im Frankfurter Bockenheimer Depot. Und zwar gewaltig. Denn während die Baukräne des künftigen berüchtigten Kulturcampus da droben über der Kuppel des ehemaligen TATs in der Götter/Abenddämmerung schimmern (das gehört beiläufig nicht hierher), glänzt da drunter das Rheingold, Teil I der Wagnerischen Tetralogie. Doch ohne Wagnerischen Soundtrack - dafür im besten Stil der Einstürzenden Neubauten. Vorgetragen vom Multitalent Stefan Kaminski - als ein "dreidimensionales Hörspiel-Theater" in Rahmen seiner "Kaminski ON AIR"-Reihe. Und produziert von dem uns allen bekannten Ruprecht Frieling!

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    Bereits wenn man das Theaterhaus betritt, findet man die ungeheueren Bauten wieder.

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    Sogar die im Nebel schimmernden Theatermitarbeiter tragen dem Mythischen bei.

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    Nun sitzt man im Saal, inmitten der monströsen Bau-Gerüste, und es fängt an!

    Doch während der Wagnerische Ring mit dem Erhabenen geradezu erschlägt, sind die Charaktere bei Kaminski auf eine Olympische Art und Weise zickig, dümmlich und ab und zu pöbelhaft. Und sogar sympathisch. Das Faszinierende ist: Kaminski spielt alle Rollen, und tut es so glaubwürdig, dass man bald vergisst, dass dies ein One-Man-Theaterstück ist. Er überzeichnet manches, doch übertreibt nichts - das Komikhafte überschreitet nicht den Rubicon gen Klischée-Wüste.

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    Die Bezeichnung "One-Man-Stück" wäre vielleicht doch zu ungenau: zwar spielt Kaminski alle Rollen, und auch einige ausgefallene Instrumente wie Theremin. Doch er ist nicht allein.

    Hella von Ploetz erzeugt überirdische Klänge mit einer spezial entwickelten Glasharfe. Die dadurch entstehenden Klänge kann man nicht beschreiben. Man muss das Pulsierende und im Raum Umherwobende Bebende Wurbelnde Hindurchspeerende mit dem eigenen Bauch spüren.

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    Sebastian Hilken wechselt zwischen Percussions-Objekten und Kontrabass. Mal Taiko, mal Drum'n'Base, mal Militärtrommeln, und dann Blues-Saiten wibbern durch die Halle. Eine Multigenre-Orgie der besten Sorte.

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    Inhaltsmässig ist Wagners "Rheingold" ja ein Zeugnis der Impotenz der Weltherrscher: da werden die Walhall-Hallen von zwei sympathischen, aber dummlichen Riesen errichtet, im Auftrag des leichtsinnigen Gottes Wotan. Als Belohnung hat der Schnelldenkende die Göttin Freia versprochen, ohne zu überlegen, dass

    1. Freia eine Gottin ist, die eigentlich nicht als eine tarifliche Arbeitsvergütung in Frage kommt, auch im Öffentlichen Dienst
    2. Freia die Apfelbäume behütet, die den Göttern das Ewige Leben garantieren (was bei Freias Fernbleiben alle Götter sofort zu spüren bekommen werden)
    3. die Hallen irgendwann fertig sind, und die Arbeitnehmer streikend vor seiner Türe erscheinen.

    Das tun die beiden ja, nachdem Walhall-Bau zu Ende gebracht wurde.

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    Nix Erhabenes erwartet sie. Gott Wotan ist selbstsüchtig und hält sich nicht beim Wort.

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    Und da geht das Schlamassel los.

    Die Figuren sind mit klaren und kontrastreichen Farben gezeichnet. Wotan ist ein megalomanischer, selbstverliebter Nichtstuer. Fricka, seine Gattin und Göttin, ist vernünftig, dafür aber hysterisch. Freia läuft im Kreise herum wie Wildgestochene, kann man auch verstehen, in ihrer Situation. Fasolt und Fafner, die Riesen, sprechen Dialekte und sind Sympathieträger (auch wenn der einer den anderen eines Tages vermurkst). Loge, der Halbgott und Intrigant, ist plötzlich voll normal - seine Rolle wird nicht überspitzt dargestellt, er ist einer von uns, er rappt gerne und gibt sich für einen voll korrekten und menschlichen Typen. Erda, die Urmutter, ist jensets von Gut und Böse, kann man auch nachvollziehen, bei all der Bacchanalie drumherum.

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    Diese Interpretation von Wagners Ring ist eine konsequente Linie mit der Prinz Rupis (Frieling) Übertragung "Der Ring des Nibelungen" (als Buch erschienen): hier wird die Ring-Geschichte nacherzählt - urkomisch, mit knappen Worten und in die Modernität der Massmediae verschoben, so dass Bayreuth nur so knirrscht mit seinen Gold-Zähnen wegen der vermeintlichen Profanisierung und Penetration des Erhabenen durch das Nerdige. Auch in dem Moment, als plötzlich die deutsche Übersetzung der Schwarzen Sprache erklingt, in der die berühmt-berüchtigte Inschrift auf einem (nicht so) ganz anderen Ring verfasst wird:

    Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
    Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.

    Und einige Figuren mutieren zu Gollum. Mögen die Puristen sagen, was sie wollen, Intertextualität ist was sie ist. (Und auf dem Cover des Buches von Frieling funkelt der Tolkiensche Ring ebenso schön umher).

    Alles ist stimmig und stimmungsvoll in dieser Inszenierung - sogar das Licht, ein Element, das man leider als Hörbuch kaum wahrnehmen kann (daher gibt es aber Videoinszenierung als DVDs) - so eine gute Lichtarbeit  wie hier, sieht man selten.

    Und so vergehen 80 Minuten von "Rheingold" wie im Flug (der Walküren), Wagner hat dafür mehr als 2,5 Stunden gebraucht.

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    Und abschliessend ruft Kaminski hallend in den Saal:

    - Hier sind wirklich grossartige Räumlichkeiten. Bockenheimer Depot ist Walhall!

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    Und das stimmt: akustisch und visuell hallt es einen weg vom Hocker, wie es schon immer TAT.

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    Nach der Aufführung eilen die Zuschauer hinunter, zur Bühne, auf welcher Musikinstrumente, Hammer, Thereminvox, Glasharfen, Streichholzer und weitere seltsam klingende Gegenstände auf eine wunderbar chaotische Art und Weise angeordnet sind.

    Das Rheingold:

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    Die Glasharfe:

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    Die Partitur - man sieht, wie lebendig der Text ist - die Metamorphosen sind jedes Mal vorprogrammiert.

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    Mit diesem farbigen Marakas da in der Mitte läuft Freia wie die Wilde durch die Gegend, verzweifelt und entgeistert. RIMG0336

    Der lichtbringende Loge fummelt mit den Streichholzern und bringt - im Gegensatz zu Prometheus - keine richtige Antwort auf die Černyševskij-Frage des verwirrten Verpeilers Wotan: "Was tun?".
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    Die Bühne kann man stundenlang betrachten, doch leider müssen wir los - Walhalle wird für die Nacht geschlossen.

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    Es bleibt nur noch eines: wiederkommen. Denn es ist bei weitem nicht zu Ende. Apokalypse kommt noch.

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    Stefan Kaminski und Ruprecht Frieling.

    Und hier das Making-Of:

    Kunststeckbrief

    Was: Kaminski ON AIR - DER RING DES NIBELUNGEN
    Wo: Bockenheimer Depot
    Wann: Zyklus 1 (11./12./19./20.05.2013), Zyklus 2 (25./26./31.05/03.06.2013)
    Web: Oper Frankfurt / Internet Buchverlag

  • Internationale Schwitters-Tagung. Teil 6

    Zum Index

    Eines steht fest:

    "Typographie kann unter Umständen Kunst sein"

    (Kurt Schwitters).

    Die Schrift kann nicht nur Inhalts-Über-Träger, Inhalt an sich oder Teil des Inhalts sein. Am Beispiel von "Die Scheuche" (oder "Die Scheuche X" [wie der Referent intererssanterweise bemerkt]) berichtete der Comic-Forscher Christian Bachmann über Texte von Schwitters im Spannungsfeld von Schrift und Bild.

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    Während die meisten anderen Avantgardisten Typographie eher als Aus-Drucks-Mittel (und die Berliner Dada besonders politisierend) nutzten, folgte Schwitters seinem Herzen MERZEN, bei dem jedes Element in einem Werk gegeneinander gewertet werden, und somit war die Typographie ebenso signifikant wie der Inhalt.

    die scheuche (x) zeigt diese Herangehensweise besonders prägnant: die Schrift kommuniziert mit anderen Ebenen und es entsteht eine dem MERZ-Meister typische Gänzlichkeit [ɥɔsuǝɯzɹǝɯ ɹɹǝɥ 'ɟɟıɹƃǝq ɹǝɯɐsʇlǝs uıǝ sɐʍ]

    Zum Beispiel hier:

    Scheuche
    MERZ 14/15, © Dumont Buchverlag / VG Bild-Kunst

    Der BierBäuchige Bauer BreitBeinig stehend - was kann so eine Figur nicht besser personifizieren, als B?

    Hier wird die Meta-Ebene mit der fiktiven Ebene komplett verschmolzen - und die Poetik Schwitters' zum wievielten Male bestätigt.

    Aber es gibt ein Problem: Übersetzbarkeit, die in diesem Fall sehr problematisch ist. Schauen Sie zum Beispiel die englische Übersetzung (Lucky Hans and other Merz fairy tales, Princenton University Press, 2009), typographisch gesetzt von Barrie Tullet (Respekt!).

    Scarecrow
    © Princenton University Press, 2009

    The Farmer on his Flimsy Feet doesn't Fit so really in the Schwitters' concept. But how you would translate it else?
    Dieser Bauer sieht absolut unpassenderweise nach einem Gentleman aus... Ja, Merzmensch, weiss es nicht, wie man typographische MERZ-Werke übersetzen soll. Vielleicht ist es unmöglich?

    In diesem Werk wird Schrift + Bild = 1.

    Das Hauptrinzip der MERZKunst, die Gleichheit der Form und des Inhaltes wird hier so trefflich erreicht, dass der letzte Zweifler die MERZ-Kunst dem Autor folgt.

    Ich denke, Schwitters würde sogar von Humboldt akzeptiert, der einst überzeugt war, die europäischen Schriften haben die ikonographische Bildlichkeit (möge man mir die Tautologie verzeihen) überwunden. Stimmt: sie haben es überwunden, und nun sind sie bereit für die ikonographische Bildlichkeit par excellence.

    ***

    Es ist wahrlich populär, etwas zu fordern.

    • Axel Fischer fordert "Vermummungsverbot im Internet"
    • Die Einstürzenden Neubauten "fordern Sonnenuntergang für das Abendland"
    • Und Schwitters?

    Ich fordere die Merzbühne.
    Ich fordere die restlose Zusammenfassung aller künstlerischen Kräfte zur Erlangung des Gesamtkunstwerkes. Ich fordere die prinzipielle Gleichberechtigung aller Materialien, Gleichberechtigung zwischen Vollmenschen, Idiot, pfeifendem Drahtnetz und Gedankenpumpe. Ich fordere die restlose Erfassung aller Materialien vom Doppelschienenschweißer bis zur Dreiviertelgeige. Ich fordere die gewissenhafteste Vergewaltigung der Technik bis zur vollständigen Durchführung der verschmelzenden Verschmelzungen.

    Schwitters, "An alle Bühnen der Welt", 1919, © Dumont Buchverlag

    Man sieht, wenn die politische Forderungen (Fischer, CDU) sehr abwegig klingen, haben die Neubauten den Forderungen von Schwitters erfolgreich nachgegangen.

    The Set Up

    (Foto von xdijo: http://www.flickr.com/photos/xdjio/1858403/)

    Denn im Gegensatz zu politischen Nebulösitäten, sind die theoretischen Ansätze des MERZ-Künstlers völlig konkret in ihrer vermeintlichen Abgehobenheit.
    Schwitters als ein Bühnen-Theoretiker war um-wälzend, wie Christoph Kleinschmidt in seinem Vortrag über die MERZ-Bühne verdeutlichte.

    Oberflächlich gesehen, grenzt die Aufführung, ja sogar Aus-Führung eines MERZ-Theaters fast an die Unmöglichkeit der Realisierung. Hier können alle Materialien verwendet werden (s. oben | unten | überall sonst). Die Einstürzenden Neubauten sind wohl diejenigen, die Schwitters Theorien in die Praxis am besten umsetzten könnten, auch wenn das Musikalische in ihrem Gesamtkunstwerk dominierte.

    Im Vortrag von Christoph Kleinschmidt ging es jedoch nicht um die Neubauten, sondern um die Schwitters' Bühnenkompositionen

    Oben und Unten

    sowie

    Zusammenstoss

    Hier wird u.a. die Intermaterialität und Intertextualität der Merz-Bühne deutlich.

    Und TAT-SÄCHlich, liest man die beiden eschatologischen Werke, sieht man folgendes:
    ƽ Die Ursonate schimmert durch,
    ƽƽ Zahlen werden im Chorus vorgetragen,
    ƽƽƽ die Einzelwerke von Schwitters (z.B. Onkel Heini-Lied) erscheint in einem [neuen] Kontext.
    ƽƽƽƽ Es ist über die Gleichzeitigkeit des Visuellen/Akustischen die Rede.
    ƽƽƽƽƽ Und in einer Ballett-Einlage ("Zusammenstoss") wird eine seltsame Choreographie von Puppenpanzen und Distelkavaliere beschrieben, die man nur durch die Eigeninterpretation nachvollziehen kann (Mit-Ein-Be-Ziehen des Inszene-Setzers)
    ƽƽƽƽƽƽ Manchmal dominieren die Bühnenansweisungen, die alles andere verdrängen
    ƽƽƽƽƽƽƽ
    ƽƽƽƽƽƽƽƽ
    ƽƽƽƽƽƽƽƽƽ
    ƽƽƽƽƽƽƽƽƽƽ

    Oben und Unten fängt ja fast schon sehr synästhetisch an. Am besten werde ich hie die erste Bühnenanweisung zitieren:

    Anfangs ist die Bühne dunkelblau. Sie scheint leer, weil man die auf dem Boden liegenden Personen nicht sieht. Man sieht erst undeutlich, dann immer deutlicher werdend auf dem Hintergrund das Kreisen von Welten, Kugeln, die sich drehen, rot, grün, blau angeschienen, durchscheinend Kreise, Linien, besonders in Parabelform, glitzernde Linien, sich verengende und erweiternde Quadrate, gelb oder rot, dazwischen Nebelformen, Schleier vor den mathematischen Formen unregelmäßig... Eintönig begleitet ein Nebelhorn von Zeit zu Zeit. Man hört auch manchmal Wasser rauschen. Kurz und schrill eine helle Pfeife. Klirren von Glasscherben. Große rote Kugel geht hoch und verschwindet, indem sie immer heller wird. Dazu Heulen einer Sirene. Dann beginnt sofort ein Scheinwerfer die Teile der Bühne zu beleuchten wo keine Menschen sind.

    Oben und unten. 1929, © Dumont Buchverlag

    Farbe, Formen, Licht, Klang♫, Haptik (klirrende Glasscherben - was kann haptischer sein in dieser Akustik?), Zeit (ist Zeit auch ein Sinn? Ich denke schon) - alles verbindet sich hier in einem multimediellen und intermateriellen (Christoph Kleinschmidt) Gesamtkunstwerk.

    Und fast am Ende des Stücks passiert folgendes:

    Das Publikum erhebt sich beim Liede und stimmt ein.

    Oben und unten. 1929, © Dumont Buchverlag

    Ja. Oh ja. Das Publikum (Datenschutz gewährleistet) - das letzte noch nicht betroffene Element des Theaters wird auch involviert. Die Zuschauer werden ebenso Teil der Merz-Bühne, wie die Schauspieler und Dekorationen.

    Und das ist sehr wohl realisierbar. Schwitters erlebte es während Dada-Tournee durch Holland, als er mit von Doesburgn und anderen das Publikum so inspirierten, dass das Publikum mit Dadaisten die Plätze wechselten. Und während Schwitters und Co. sich in Zuschauersessel zurücklehnten, waren die Zuschauer aktiv auf der Bühne.

    Zum Teil 7

    Zum Index

  • Neubauten und Innere Sicherheit

    Sicher wisst Ihr schon, dass die Einstürzenden Neubauten ihre 30-Jährigkeit feiern. Sie waren bereits in Europa mit ihrem wunderbaren Konzert unterwegs (hier in Volllänge)

    Nun wollten sie auch nach Nordamerika... doch da mussten die Neubauten mit EinBestürzung erkennen, wie schwer ist es, reinzukommen...
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    Leider haben die US-Behörden gezögert und irgendwelche Überprüfungen etc. durchgeführt, so dass die Neubauten nicht zu ihrem Konzert schafen könnten. Daher mussten sie es canceln.

    Kein Wunder, bei all den Turbinen, Röhren und anderen weniger erklärlichen Gegenständen, den die Neubauten wie Duchamp eine neue Bedeutung/Funktion/Wertung beigemessen haben, und damit ihre einzigartig-wunderbare Musik schuffen. Aber ich denke, Homeland Security wurde ja auch den guten Duchamp mit seinem Pissoir Fontaine nicht in den Flugzeug hereinlassen.

    The Set Up
    (Foto von xdijo: http://www.flickr.com/photos/xdjio/1858403/)

    Hier haben wir's wieder: Paranoia der Inneren Sicherheit fühlt sich durch die Avantgarde bedroht.

    Da ist übrigens die komplette Palette der Neubauten in action. Ist zwar ein härterer Tobak, aber die Neubauten schreiben bekanntlich keine Schlaflieder. Eher Aufwecklieder.

  • Einstürzenden Neubauten

    Und wieder sind die neubauten unterwegs. Diesmal bei arte. Diesmal im Konzert. Diesmal 2:30 Stunden lang!

    Sie haben am 16. November 2010 ihr 30-Jähriges Jubiläum. Na dann verspätet Happy Birthday.

  • Einstürzenden Neubauten und Dadaismus. Teil 3

    à dada, oder Das Geheimnis ist gelüftet!

    Wahrlich, was würde ich ohne Euch machen, meine werten Leser.

    Im letzten Jahr habe ich ausgiebig das Lied von Einstürzende Bauten "Let's do it a Dada" analysiert. Und einer meiner Leser war Blixa Bargeld höchstpersönlich. Er hat meine Analyse noch ausgiebiger kommentiert und eine Unmenge von Informationen zugeschickt. Nun hatte unsere gemeinsame Analyse eine Lücke gehabt. Denn in einem Interview rätselte er:

    In dem Fall sind akkurate Fakten gerade der Witz. Noch heute bekommt man bei Wikipedia und in den Büchern über Kunstgeschichte aufgetischt, dass der Name DaDa zufällig im Wörterbuch gefunden worden sei, als Bezeichnung für das Stammeln eines Kindes oder ähnlichen Kram. Aber vor ein paar Jahren hatte sich jemand die Mühe gemacht herauszufinden, was DaDa wirklich heißt. Es gab ein paar Meldungen in entsprechenden Zeitungen, ich habe es in der taz gelesen und seitdem ist es wieder vergessen. Überall steht noch derselbe alte Müll. Deswegen habe ich gedacht, setzten wir dem doch mal ein Denkmal, wir veröffentlichen dieses Rätsel. Ich verrate die Lösung nicht, die kann jeder selbst nach recherchieren. Ich warte mal, was passiert.

    Was hatte ergemeint? Denn die Bedeutungen als kindliche Glossolalie, Bezeichnung für Spielzeug-Pferdchen oder Rumänisches (wie Russisches) positives Antwortpartikel "da" (i.e. "ja") waren hier bei weitem nicht gemeint.

    Was ist denn das für eine unbekannte Etymologie von "dada"?

    Diese Antwort hat mir eben V.K.verraten. Er hat sich auch mit dem Lied befasst und auch ausgiebig analysiert. Und: er hat in endlosen Bergladschaften von Internet das Edelweiß gefunden. Er hat diesen TAZ-Artikel entdeckt, worauf sich Blixa Bargeld bezog. Geschrieben von Arno Widmann, in der TAZ am 26.11.1994 (Seite 3), ein vergessener Artikel, aus dem ich jetzt schamlos zitieren werde.

    Was ist dann das dada da?

    Im Jahre 1903 (also noch vor Cabaret Voltaire) erschien ein Buch mit dem gewaltigen Titel "Les paradis charnels, ou le divin bréviaire des amants, art de jouir purement des 136 extases de la volupté", zu Deutsch: "Das Paradies des Fleisches oder Das göttliche Liebesbrevier. Die Kunst, die Wollust in 136 Verzückungen zu genießen!". Der Autor: A.S. Lagail, was ein anagrammatisches Pseudonym für Alphonse Gallais.

    Nun, was ist das für ein Buch?

    Wie der aufmerksame Beobachter es bereits vermutet, handelt es sich bei diesem Meisterwerk um die Liebespositionen, so eine Art Kamasutra à la française.

    Was hat es aber mit dada zu tun?

    Im 15. Kapitel wird eine Kollektion der Positionen aufgelistet, die alle... mit "à dada" anfangen. (ein Pferdchen gefällig?)
    So hätte doch dieses Buch unter den jungen Dadaisten auch eine Beliebheit erfreut, wo es doch von solchen Größen wie Paul Verlaine und Guillaume Apollinaire hoch besungen wurde. Verlaine schrieb über das Buch:

    "Die Staaten werden sich auflösen, der Haß wird von der Erde verschwinden: Dein ,Paradies des Fleisches`, mein lieber Kollege, wird für alle Zeiten der wahrste Ausdruck der ,Liebe zur Liebe` sein."

    Natürlich, war das Wort nicht von Gallais erfunden, er hat es wohl aus dem... ehem... Alltag genommen. Aber die fast schon Benjaminische Aura dieses Wortes hat es ihm in die Wörterbücher doch nicht verholfen. Denn die Wörterbücher - insbesondere in Frankreich - waren ja hochambitioniert, und hatten kein Platz für Bordell-Jargon.

    So kam das Wörtchen zwar nicht in die Dictionnaire, doch... noch besser! - fand seine Niche in der Weltkulturgeschichte. Und die jungen Dadaisten kicherten sich die Tetraeder satt. Wie ein Hut. Wie ein Hut.

    Das ist die geheime Bedeutung von Dada, die Bedeutung, die auch in den meisten Kunstgeschichtsbücher nicht enthalten ist - aus demselben Grund. Aber was macht schon die snobistische Sprödigkeit gegen uns, die die Wahrheit kund tun. Das bezieht sich auch auf meine Doktorarbeit.

    Somit ist das Lied von Blixa Bargeld höchst erotisch.

    Und jetzt können wir ruhigen Gewissens mitsingen:

    Just you and me my darling
    we know what it really means

    Let's do it,
    Let's do it,
    Let's do it à dada.

  • Einstürzenden Neubauten und Dadaismus. Teil 2

    Er hat mich kommentiert. Der Meister. Blixa Bargeld.

    Doch fangen wir besser so an:

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    Blixa Bargeld. Foto by Thomas Rabsch
    Quelle: www.blixa-bargeld.com

    Jede intertextuelle Analyse eines Werkes ist nur dann der Vollständigkeit nah, wenn die meisten in diesem Werke versteckten Hinweise entziffert und entdeckt sind. Oft ist es schwer bis unmöglich, denn der Autor sich als eine schweigende Instanz hinter der Vierten Wand verbirgt. Doch wenn der Autor selbst reagiert?

    Vor ca. anderhalb Monaten analysierte ich das Lied/Musikstück/Installation von Blixa Bargeld und seinen Einstürzenden Neubauten "Let's do it a Dada". Der Text war voller Zitaten von verschiedenen Dadaisten - und solche intellektuelle Intertextualität ist heutzutage hierzulande leider ziemlich selten. Und (u.A.) daher höchst bewundernswert.

    Doch meine Analyse war wahrlich unvollständig. Denn Blixa Bargeld selbst meldete sich zu Wort und gab mir in seinem Kommentar zu meinem Blogeintrag zahlreiche Hinweise,

    1. die ich bei meiner Analyse verpasst habe
    2. die bei der Genese des Liedes eine grosse Rolle spielten.

    Hier kommen seine Hinweise, die er als Links postete.

    …mit dem urtext selbst einmal gebadet…

    Link von BB: http://www.google.com/search?client=safari&rls=en&q=hans+arp:+der+gebadete+urtext&ie=UTF-8&oe=UTF-8.

    Lustigerweise, geht man diesem Google-Such-Link nach, findet man sofort das wunderbare Video von Frieling, "Hans Arp: Der grosse Sadist". Doch gemeint ist das Gedicht von Hans Arp "Der Gebadete Urtext". Zu meinem Schrecken finde ich gerade in keiner meiner Anthologien diesen Text. Ich werde daher morgen die Bibliothek überfallen.

    Der Text wird an diese Stelle kommen: ist lang, daher habe ich ihn gesondert veröffentlicht: http://merzmensch.blog.de/2009/11/19/hans-arp-gebadete-urtext-7413376/

    Weiter geht's.

    …weiss wo der kirchturm steht…

    Link von BB: http://www.nga.gov/exhibitions/2006/dada/images/artwork/202-027.shtm

    Es handelt sich um die Kollage von Hannah Höch "Meine Haussprüche" (1992).
    Wenn man das Bild zoomt, sieht man Zitat von Kurt Schwitters:

    lasssiesagen

    "Lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht. Kurt Schwitters" (Zitat aus dem Gedicht "Anna Blume" von Schwitters)

    …kuechenmesser…

    Links von BB: http://www.flickr.com/photos/honeybunnyandy/2559256586/ und:
    http://www.moma.org/explore/multimedia/audios/29/704

    Das erste Bild ist die Fragment der Kollage "Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauch-Kulturepoche Deutschlands" von Hannah Höch.

    Und der signifikante Audiokommentar des Museum of Modern Arts, New York zu diesem Werk:

    Der Kommentar thematisiert u.A. die Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft, denn auch die Dadaisten, egal, wie zukunftsweisend sie waren, wollten die männlichen Vertreter stets die erste Geige spielen.

    Wie Dieter Elger in seinem Buch "Dadaismus" schreibt,

    ...Bezeichnend dafür ist auch das zweifelhafte Lob Hans Richters in seinem Erinnerungsbuch "Dada Profile", in dem er vor allem ihr [Hannah Höchs, - M.] Talent "als Vorsteherin der Atelier-Abende bei Hausmann" lobte, bei denen sie sich "durch die belegten Brötchen plus Bier und Kaffee, die sie trotz Geldmangel auf irgendeine Weise hervorzuzaubern verstand", unentbehrlich gemacht habe. Ihrer Teilnahme an der "Ersten Internationalen Dada-Messe" 1920 stimmten George Grosz und John Heartfield erst nach massiven Interventionen durch Raoul Hausmann zu.
    [Elger, S. 44]

    In dieser Photomontage (die auf der "Ersten Internationalen Dada-Messe" gezeigt wurde) jedoch schneidet Hannah Höch mit einem für die damals (ob nur damals?..) traditionelle Frauenrolle symbolhaften Küchemesser "die letzte Weimarer Bierbauch-Kulturepoche Deutschlands". Was heutzutage als Ironie klingt, war damals die IRONIE. Sie bügelte (man verzeihe mir wieder Genderstereotypen) die gesellschaftlichen Evereste mit dem Bügeleisen des Sarkasmus. Wäre das Werk von einem Dadaisten geschaffen, würde es lediglich geschichskritisch sein. Von einer Dadaistin jedoch assembliert, ist es viel mehr - es ist die Kritik an der Zeit, an der Geschichte, an der Kunst, an den verspielten und verwirkten Genderrollen. Andererseits steht natürlich Messer (="Schnitt") unter dem Zeichen der Genese des Werkes selbst.

    Von daher ist der Text-Abschnitt

    Ich spielte mit Anna
    Ich spielte mit Hannah
    Ich weiss wo der Kirchturm steht
    Ich reichte ihr das Küchenmesser
    Ich kochte ihr den Leim

    nicht Kurt Schwitters, sondern Hannah Höch gewidmet. Und ich finde es grossartig, denn sie hat es verdient, als eine Dadasophin.

    …Ein grosses Ja ein kleines Nein…

    Link von BB: http://www.buecher.de/shop/Farbenlehre/Ein-kleines-Ja-und-ein-grosses-Nein/Grosz-George/products_products 26392672z

    Es handelt sich dabei um die Autobiographie von Georg Grosz. Die Zeit hat einige Auszüge davon veröffentlicht (wenn auch monsterhaft formatiert).

    …an der Kellertreppe…

    Hinweis von BB: "ist eine anspielung an Grosz's unfall zum tode"

    Zitat aus der Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/George_Grosz):

    1959 kehrte Grosz mit seiner Frau aus den USA nach Deutschland zurück, wo er wenig später im Juli nach einem Treppensturz in Folge von Trunkenheit starb.

    …Just you and me my darling
    we know what it really means
    Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada!…

    Hinweis von BB: "tja, das ist schwieriger zu finden, vielleicht im TAZ archiv?"

    Nun, die Archive der TAZ sind leider kostenpflichtig. Und in der Indipedia (Wikipedia der alternativen Musik) steht nur wenig darüber. Sogar in dem sehr hörenswerten (und immer wiederhörenswerten) Podcast der Neubauten über dieses Lied:
    http://www.alles-wieder-offen.com/blog/podcast1-german.mp3
    ist gerade darüber nichts gesagt (auch wenn andere Themen und Dadaisten sehr wohl erwähnt werden, und Kurt Schwitters sogar im Original zitiert!)

    In einem Interview habe ich Hinweise gefunden, worauf Blixa Bargeld mit seinen geheimnisvollen Andeutungen zielt (unterstrichen von mir):

    Womit wir zum Titel „Let’s Do it a DaDa“ kommen, einem persönlich gefärbten Kapitel Kunstgeschichte.
    Bargeld: Ja (lacht). Im Leben eines jeden Menschen muss es eine Periode geben, in der er von dem fasziniert ist, was als Dadaismus bezeichnet wird. Bei mir war das auch so. Und „Let’s Do it a Dada“ ist wirklich kein Text, an dem ich lange feilen musste. Das war ein Lautgedicht und dann musste ich nur noch die Fakten checken, um zu sehen, dass ich keinen sachlichen Fehler mache.

    Ist es für einen Liedtext wichtig, historische Fakten, wie den Wohnort des Dadaisten Wieland Herzfelde korrekt wiederzugeben?
    Bargeld: In dem Fall sind akkurate Fakten gerade der Witz. Noch heute bekommt man bei Wikipedia und in den Büchern über Kunstgeschichte aufgetischt, dass der Name DaDa zufällig im Wörterbuch gefunden worden sei, als Bezeichnung für das Stammeln eines Kindes oder ähnlichen Kram. Aber vor ein paar Jahren hatte sich jemand die Mühe gemacht herauszufinden, was DaDa wirklich heißt. Es gab ein paar Meldungen in entsprechenden Zeitungen, ich habe es in der taz gelesen und seitdem ist es wieder vergessen. Überall steht noch derselbe alte Müll. Deswegen habe ich gedacht, setzten wir dem doch mal ein Denkmal, wir veröffentlichen dieses Rätsel. Ich verrate die Lösung nicht, die kann jeder selbst nach recherchieren. Ich warte mal, was passiert.

    ... und ob möglicherweise der Eintrag im Wikipedia geändert wird.
    Bargeld: Ja, das wäre ganz schön, aber scheinbar besteht kein Bedarf daran, die gestrickte Legende zu unterminieren.

    In dem Lied raunen Sie einer Geliebten zu, nur „Du und ich mein Liebling, wir wissen was es heißt.“ Als würde Kunst zu einer Geheimsprache zwischen Liebenden werden. Ist vielleicht nur so Liebe zwischen Künstlern möglich?
    Bargeld: Das klingt wie eine gute Frage, aber ich wüsste nicht, wie ich sie beantworten soll.
    Quelle: http://www.planet-interview.de/blixa-bargeld-15112007.html

    Also, geht es hier um das Wesentliche: um die Bedeutung von "Dada". Ich habe mehrere Bedeutungen bzw. Lösungen parat, werde aber weiter suchen. Denn nach diesem Interview fühle ich mich geradezu angesprochen :-) Und die Suche ist nicht zu Ende.
    Wenn auch dieser mein Beitrag heute zu Ende ist.

    ***
    Gut, zum Dessert zeige ich die bereits ältere Werbung von Neubauten. Denn die Gruppe hatte geniale Idee: wieso sich vor den Plattenfirmen bücken, wenn man die eigenen Records selbst finanzieren kann. Die Zuhörer waren diesmal als "Supporter": für einen finanziellen Beitrag hatten die Hörer mehrere CD-Unikate pro Jahr bekommen. Und mit diesem Beitrag konnten die CDs für das breite Publikum finanziert werden.

    Das ist, wie ich finde, wohl die beste Strategie, wenn man komplett unabhängig von der prosaischen Aussenwelt die eigenen Werke frei und unvoreingenommen kreieren kann. Ich wünschte mir, dass andere Gruppen diesem Beispiel folgen würden.

    Auf jeden Fall, hier ist die Werbung, ein Aufruf auf die Genossen, sozusagen :-)

    Gute Nacht! Und ich werde weiter nach Hinweisen suchen.

    P.S. Und über die Einstürzenden Neubauten werde ich unter dieser Rubrik schreiben (denn ich habe ja auch schon einiges analysiert ;-)): http://merzmensch.blog.de/tags/neubauten/

  • Schwitters lebt!

    Ich höre in letzter Zeit öfters Podcasts - es gibt jede Menge davon, und so spannende darunter. 

    Kurt Schwitters

    Nun seit einiger Zeit werde ich in vielen diesen Podcasts von Kurt Schwitters heimgesucht. Es ist nicht so, dass ich explizit nach Podcasts mit/über Kurt Schwitters suche (was ich eigentlich tun sollte). Doch es ist so, dass die Podcasts, die ich finde, sich plötzlich wie Portale in die andere Dimension öffnen, und an der Schwelle steht Kurt Schwitters und lächelt enigmatisch.

    Schaut mal, ich habe einen russischen Podcast gehört, unter dem Titel "Aerostat". Der Podcast wird von dem berühmten russischen Sänger/Dichter/Künstler Boris Grebenschtschikow (kurz: BG) moderiert. Er ist mit seinen philosophisch-absurden und durchaus dadaistischen Texten in der Gruppe "Aquarium" bekannt geworden. In seiner neueren Sendung spricht er über die Musik des Musiker-Experimentators Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno, Kurz: Brian Eno.

    Und Brian Eno war von Kurt Schwitters beeinflusst! Er hat sogar die Ausschnitte von "Ursonate" in seinem Werk "Kurt's Rejoinder" aus dem Album "Before and After Science" benutzt.

    Hier, für alle, die es schön hören wollten: http://songza.fm/~fmfc5q

    Ich wusste davon nicht, so dass ich ziemlich überrascht war, als ich plötzlich Stimme von Kurt Schwitters völlig unvorbereitet hörte.

    Hier ist der Link zu dem Podcast mit Musik von Brian Eno (aber auf Russisch):
    http://aerostat.rpod.ru/121831.html

    ***

    Doch kaum dieser Podcast aufhörte, da war schon der nächste dran. Zugegebenermassen wusste ich, was auf mich zukommt: Podcast von Blixa Bargeld von "Einstürzenden Neubauten" zu seinem Album "Alles wieder offen".

    http://alles-wieder-offen.com/blog/

    Da er in seinem Podcast darüber erzählte, wie er auf die Idee mit Dadaismus kam, war auch über Kurt Schwitters die Rede, sogar ein kleiner Ausschnitt aus seiner Ursonate. Eigentlich, hat er in seinem Podcast alles erklärt, was ich Euch damals bei meiner dadaistischen Analyse seines Liedes präsentierte. (Aber auch wenn ich davon wüsste, würde ich trotzdem Euch mit meiner Analyse nicht verschonen).

    Ich hatte mich doch sehr gefreut, Kurt Schwitters zu hören.

    ***

    Doch dabei blieb's nicht: im nächsten Literatur-Podcast, präsentiert von Winsconsin Public Radio, ging es um Märchen.
    http://www.wpr.org/book/090628a.cfm
    Und ein Märchen, das in seiner völlen Länge zitiert wurde, war für mich wie ein Déjà-vu. Und es stimmte doch: das Märchen hiess "Der glückliche Hans" und war ebenso von Kurt Schwitters geschrieben. (Ich konnte kaum glauben, aber es war wieder wahr).

    Also lässt mich Kurt Schwitters nicht los, so werde ich ihn auch nicht loslassen.

  • Achtungg. Werbung..

    Ich habe in meinem Blog keine Werbung.

    Blixa Bargeld von "Einstürzenden Neubauten" hat auch keine Werbung für Hornbach gemacht, als er die Kataloge dieses Baumarktes mit der schauspielerischen Glanzleistung vortrug.

    Yäppi. Dada. Yäppi yäppi.

    Jej.

  • Einstürzenden Neubauten und Dadaismus

    Versuch einer intertextuellen Analyse.

    Wie Spieler bereits richtig anmerkte, der Leader der Gruppe "Einstürzenden Neubauten", Blixa Bargeld, wählte seinen Pseudonym nach dem Dadaist Johannes Theodor Baargeld. Und wie Trithemius zurecht erwähnte, Baargeld ist wiederum ein Pseudonym, eine Anspielung auf seine finanzielle Unterstützung von Vertretern des Kölner Dadaismus, vor allem Max Ernst.

    In ihrem neusten Album "Alles wieder offen" (Amazon-Link) haben die Einstürzenden Neubauten Dadaisten angesprochen. Namentlich. Mit vielen Zitaten.

    Vor allem im Lied "Let's Do it a Dada"

    (Einstürzende Neubauten - Let's Do It A Dada - Alles Wieder Offen Tour 2008)

    Hier ist der Voll-Text des Liedes Let's Do it a Dada, genommen von der offiziellen Seite alles-wieder-offen.com.

    Let's Do it a Dada

    Ba-ummpff!

    Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada!

    Bei Herzfeldes hab ich mal gefrühstueckt
    in Steglitz oder Wilmersdorf
    mit Wieland hab ich mich gestritten
    mit Wieland, nicht mit John
    Ich reichte ihm die Schere
    Ich kochte ihm den Leim

    In keinem Diktionär
    hat es den Eintrag je gegeben
    nur du und ich my Darling
    wir wissen was es wirklich heisst
    Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada!

    Ich spielte Schach mit Lenin
    Zürich, Spiegelgasse
    Ich kannte Jolifanto höchstpersönlich
    hab mit dem Urtext selbst einmal gebadet
    Ich spielte mit Anna
    Ich spielte mit Hannah
    Ich weiss wo der Kirchturm steht
    Ich reichte ihr das Küchenmesser
    Ich kochte ihr den Leim

    Hawonnnti!

    Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada!

    Hülsendada
    Propagandada
    Monteurdada
    Zentrodada
    Das Oberdada

    Ein grosses Ja ein kleines Nein
    Ich trank ne Menge
    trank mit George
    war trotzdem nicht zur Stelle
    an der Kellertreppe
    morgens am Savignyplatz

    Ich half Kurt beim Bauen seiner Häuser
    No. 1, 2 und 3
    Ich reichte ihm die Säge
    Ich kochte ihm den Leim

    Aaah! Signore Marinetti!
    Back from Abyssinia?

    Just you and me my darling
    we know what it really means
    Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada!

    Lassen wir uns in die Welt von Dada versinken.

    Es fängt schon mal gut an, mit "Ba-ummpff". Der Anfang ist das Ende jeden Anfangs, wie ein Weiser Mann Kurt Schwitters sagte. Denn dieser Anfang ist das Ende des berühmten Lautgedichtes Karawane von Hugo Ball, dem berühmten Vertreter Züricher Dadaismus.

    Hier ist der Original-Text:

    Und Original-Aufnahme (gleich der erste Eintrag): http://www.ubu.com/sound/ball.html

    Bei Herzfeldes hab ich mal gefrühstueckt

    Herzfeldes - zwei Brüder, Wieland Herzfelde und John Heartfield (eigentlich Helmut Herzfelde). Der eine - avantgardistische Publizist, der andere - Pionier in der Technik von Foto-Kollage, haben beide sich sehr am Dadaistischen Treiben beteiligt und zählen eher zum Berliner Dadaismus.

    Ich spielte Schach mit Lenin
    Zürich, Spiegelgasse

    Das sagt Euch ja alles: Zürich, Spiegelgasse war einerseits Adresse von Cabaret Voltaire, andererseits Wohnsitz von Uljanov-Lenin. Man erzählt, dass Lenin des öfteren bei Cabaret Voltaire zu Gast war, mit Tristan Tzara Schach spielte, aber von den Dadaisten an sich nicht unbedingt begeistert war. Einer anderen Legende zufolge soll er sogar Polizei gerufen haben, weil die Nachbarn im Cabaret Voltaire zu laut waren.


    Wohnung von Lenin in Zürich
    (source: wiki)

    Zu diesem Thema hat Tom Stoppard eine Absurdeske "Travesties" geschrieben, über James Joyce, Lenin und Tzara, die in Zürich auf einander treffen.

    Doch zurück zu unseren Neubauten.

    Ich kannte Jolifanto höchstpersönlich

    Anspielung auf das gleiche Lautgedicht "Karawane".

    hab mit dem Urtext selbst einmal gebadet

    Mit Urtext ist wohl Kurt Schwitters mit seiner "Sonate in Urlauten" gemeint. Mit "gebadet" aber vielleicht auch Johannes Baader, der einst mit Lufthansa Flugzeug einen Kongress der Christus-Wiedergänger aufmischte, sich als Christus höchstpersönlich präsentierte und wieder verschwand, zur grossen Verwirrung der Sektanten.

    Ich spielte mit Anna

    "Man kann Dich auch von hinten lesen, und du, du herrlichste
    von allen, du bist von hinten wie von vorne "a-n-n-a"
    ,
    schrieb Kurt Schwitters in seinem wohl berühmtesten Gedicht "An Anna Blume".

    Ich spielte mit Hannah

    Hannah Höch, Künstlerin und Muse der Dadaisten. Eigentlich hiess sie Johanna oder Hanna, doch Kurt Schwitters hat sie umbenannt. Denn "H-a-n-n-a-h" kann man ebenso von hinten lesen.

    Ich weiss wo der Kirchturm steht

    Zitat aus dem gleichen Gedicht "An Anna Blume":

    Du bist - - bist du? - Die Leute sagen, du wärst, - lass sie sagen, sie wissen nicht, wo der Kirchturm steht.

    Ich reichte ihr das Küchenmesser

    Ich denke, es ist eine Allusion auf die Kurzerzählung von Schwitters "Zwiebel":

    Es war ein sehr begebenwürdiger Tag, an dem ich geschlachtet werden sollte. [...]Der Schlächter war auf halb sieben Uhr bestellt [...] Wir hatten eine geräumige Diele ausgewählt, so daß viele Zuschauer bequem teilnehmen konnten. [...] Die Diele war sauber gefegt und gewaschen. Zwei lange, weißgescheuerte Tische hatte ich an die eine Seitenwand stellen lassen; darauf standen etliche Schalen, Messer und Gabeln.

    Ich kochte ihr den Leim

    Leim nutzte man sowohl für die Kollagen als auch für die anderen dadaistischen Installationen.

    Hülsendada
    Propagandada
    Monteurdada
    Zentrodada
    Das Oberdada

    Hülsendada - so nannte Kurt Schwitters kritisch das Berliner Dada, geführt von Richard Huelsenbeck:

    Es gibt zwei Gruppen von Dadaisten, die Kern- und die Hülsendadas, welch letztere besonders in Deutschland wohnen.

    Schwitters kritisierte Berliner Dada als eine kernlose, schismatische Richtung, die sich eher in die höchstpolitische Richtung abgedriftet ist, anstatt, wie Kerndada, sich mit der eigenen Weiterentwicklung der Kunst zu beschäftigen.

    Propagandada - Berliner Dadaist George Grozs, der zum Sprachrohr des Proletariats geworden war. (Dies war übrigens auch ein Kritikpunkt von Schwitters: anstatt die Kunst für alle zu schaffen, warfen Berliner Dadaisten dabei, Kunst für Proletariat zu machen, was die Idee der Kunst völlig pervertierte).

    Monteurdada - John Heartfield, s.o.
    Zentrodada - Johannes Theodor Baargeld, s.o.
    Oberdada - Johannes Baader, s.o.

    Ich trank ne Menge
    trank mit George,
    an der Kellertreppe
    morgens am Savignyplatz

    Wiederum, George Grozs. Savignyplatz (West-Berlin) war sein letzter Wohnort.

    Ich half Kurt beim Bauen seiner Häuser
    No. 1, 2 und 3

    Die Häuser sind eigentlich die Merzbaus, die Kurt Schwitters als die Kulmination seines Schaffens ansah. Es gab insgesamt mehrere Merzbaus: in Hannover, und dann während des Exils in Norwegen und England.


    Merzbau von Schwitters, Quelle: http://www.sprengel-museum.de

    Aaah! Signore Marinetti!
    Back from Abyssinia?

    Marinetti war der italienische Futurist, der es doch sehr gerne mit der Ästhetik des Krieges hatte... Daher wurde er von den Dadaisten nicht unbedingt gemocht, vor allem im Kontext des Ersten Weltkrieges. Mit Abyssinia ist wohl seine Teilnahme am Italienisch-Äthyopischen Krieg gemeint, an dem sich gar freute:

    "Der Krieg ist schön, weil er dank der Gasmasken, der schreckenerregenden Megaphone, der Flammenwerfer und der kleinen Tanks die Herrschaft des Menschen über die Maschine begründet."

    So, und wenn Ihr noch die Videoaufnahme des Konzerts sieht, bemerkt ihr auch die Hommage an Hugo Ball, den ich bereits vorhin erwähnte.

    Uff, ich denke, das wars soweit. Aber falls Ihr noch irgendwelche Intertextualitäten und Anspielungen bemerkt, herein damit!

    Fortsetzung: Teil 2 (mit Hinweisen von Blixa Bargeld)

  • Einstürzende Neubauten (Blume)

    Übrigens, die Dekorationen zur "Blume" von Einstürzenden Neubauten wurde der Installation von Luigi Russolo, Intonarumori nachempfunden.

    Zum Vergleich:

    Blume.

    blume-youtube

    Intonarumori:

    Über die Bezüge zwischen Einstürzenden Neubauten und Avantgarde werde ich bald gezielt bloggen. Oja! Wie ein Hut. Wie ein Hut.

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