szmmctag

Archiv der Einträge: Mai, 2013
  • Bestimmt ein Zufall. Eine immerwiederkehrende ontologische Zyklik. Oder so in der Art.

    Warten Sie zufällig immernoch auf mich? Apropos, Zufall: Schwitters sagte mal:

    "Es gibt keine Zufälle. Eine Tür kann zufallen, aber das ist kein Zufall, sondern ein bewusstes Erlebnis der Tür, die Tür, die Tür, der Tür…"

    Und noch zufälligerweise merke ich, dass dieses Zitat von meiner Wenigkeit bereits vor 5 Jahren angegeben wurde. Nichtsdestotrotz, Zufall gibt es schon, und zwar gerade jetzt, in der Merz-Hauptstadt Hannover Re von nah (Danke Ihnen, lieber Kurt).

    Und zwar als Ausstellung "Purer Zufall. Unvorhersehbares von Marcel Duchamp bis Gerhard Richter" im Sprengel Museum. deutschlandfunk hat dazu einige weitaus unzufällig interessante Bemerkungen verfasst. Denn tatsächlich, ist Zufall keine blosse anti-kulturelle provokative Pose in Werken von Dadaisten oder Surrealisten, sondern
    1) ein Verfahren
    2) ein Topos
    3) eine Denkweise
    4) ein Versuchsobjekt
    8) ein Werk an sich.

    Achja, und da Sprengel-Museum zu einem Zufalls-Wettbewerb aufgerufen hat, unter dem Titel "Gib dem Zufall ein Gesicht", da möchte der Merzmensch diesen Zufall nicht entgehen lassen, und schickt gleich folgendes Bild, das die werten und umso mehr aufmerksamen LeserInnen dieses Merz-Bloges bereits kennen. Hier ist sowohl Zufall als auch Gesicht - alles dabei.

    Diesen ernsthaften Herren habe ich eines Morgens in meinem Kissenbezug vorgefunden:

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    Zufälle gibt's!
    P.S. Naja, vergessen wir mal auf einen Augenblick Pareidolie.
    P.P.S. Apropos wikipedia. Da ich hier nicht ohne Zufall diesen Beitrag abschliessen möchte, hier ist mein Lieblings-Artikel bei Wikipedia. Fast jeden Tag lese ich darin. Sehr erbaulich und aufbauend.

    => Bitte unbedingt lesen!

    P.P.P.S.
    Ach, und übrigens:
    Kissenbezug-facebook

  • alles ist verbunden


    Quelle: wiki

    Lese gerade die neue Ausgabe von Frieze d/e, bald kommt ein Dada-Artikel, doch nachher werden wir einkaufen gehen für heute Abend, und für die Zubereitung vom Französischen Hähnchenbrustfilet im Blätterteigmantel brauchen wir Estragon, aber das ist später, und jetzt entdecke ich in dem Artikel "Cry me a River" von Pablo Larios, dass Samuell Beckett, als er in der Berliner Alten Nationalgallerie das obige Gemälde von Caspar David Friedrich "Mann und Frau den Mond betrachtend" sah, zu seinem "Warten auf Godot" inspiriert wurde, in welchem ein Vladimir und ein Estragon auf einen Godot wartete, wobei das stimmt wohl nicht mit dem Gemälde, da nach Pablo Larios verwechselte Beckett das von ihm als Mondlandschaft benannte Werk mit dem anderen Meisterwerk der Surreallen Melancholie von Friedrich: "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes", doch jetzt gehe ich erst mal Estragon kaufen. Wartet bitte auf mich.

  • Kaminski ON AIR, Frieling und Walhall am Main

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    Es HALLt im Frankfurter Bockenheimer Depot. Und zwar gewaltig. Denn während die Baukräne des künftigen berüchtigten Kulturcampus da droben über der Kuppel des ehemaligen TATs in der Götter/Abenddämmerung schimmern (das gehört beiläufig nicht hierher), glänzt da drunter das Rheingold, Teil I der Wagnerischen Tetralogie. Doch ohne Wagnerischen Soundtrack - dafür im besten Stil der Einstürzenden Neubauten. Vorgetragen vom Multitalent Stefan Kaminski - als ein "dreidimensionales Hörspiel-Theater" in Rahmen seiner "Kaminski ON AIR"-Reihe. Und produziert von dem uns allen bekannten Ruprecht Frieling!

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    Bereits wenn man das Theaterhaus betritt, findet man die ungeheueren Bauten wieder.

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    Sogar die im Nebel schimmernden Theatermitarbeiter tragen dem Mythischen bei.

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    Nun sitzt man im Saal, inmitten der monströsen Bau-Gerüste, und es fängt an!

    Doch während der Wagnerische Ring mit dem Erhabenen geradezu erschlägt, sind die Charaktere bei Kaminski auf eine Olympische Art und Weise zickig, dümmlich und ab und zu pöbelhaft. Und sogar sympathisch. Das Faszinierende ist: Kaminski spielt alle Rollen, und tut es so glaubwürdig, dass man bald vergisst, dass dies ein One-Man-Theaterstück ist. Er überzeichnet manches, doch übertreibt nichts - das Komikhafte überschreitet nicht den Rubicon gen Klischée-Wüste.

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    Die Bezeichnung "One-Man-Stück" wäre vielleicht doch zu ungenau: zwar spielt Kaminski alle Rollen, und auch einige ausgefallene Instrumente wie Theremin. Doch er ist nicht allein.

    Hella von Ploetz erzeugt überirdische Klänge mit einer spezial entwickelten Glasharfe. Die dadurch entstehenden Klänge kann man nicht beschreiben. Man muss das Pulsierende und im Raum Umherwobende Bebende Wurbelnde Hindurchspeerende mit dem eigenen Bauch spüren.

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    Sebastian Hilken wechselt zwischen Percussions-Objekten und Kontrabass. Mal Taiko, mal Drum'n'Base, mal Militärtrommeln, und dann Blues-Saiten wibbern durch die Halle. Eine Multigenre-Orgie der besten Sorte.

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    Inhaltsmässig ist Wagners "Rheingold" ja ein Zeugnis der Impotenz der Weltherrscher: da werden die Walhall-Hallen von zwei sympathischen, aber dummlichen Riesen errichtet, im Auftrag des leichtsinnigen Gottes Wotan. Als Belohnung hat der Schnelldenkende die Göttin Freia versprochen, ohne zu überlegen, dass

    1. Freia eine Gottin ist, die eigentlich nicht als eine tarifliche Arbeitsvergütung in Frage kommt, auch im Öffentlichen Dienst
    2. Freia die Apfelbäume behütet, die den Göttern das Ewige Leben garantieren (was bei Freias Fernbleiben alle Götter sofort zu spüren bekommen werden)
    3. die Hallen irgendwann fertig sind, und die Arbeitnehmer streikend vor seiner Türe erscheinen.

    Das tun die beiden ja, nachdem Walhall-Bau zu Ende gebracht wurde.

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    Nix Erhabenes erwartet sie. Gott Wotan ist selbstsüchtig und hält sich nicht beim Wort.

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    Und da geht das Schlamassel los.

    Die Figuren sind mit klaren und kontrastreichen Farben gezeichnet. Wotan ist ein megalomanischer, selbstverliebter Nichtstuer. Fricka, seine Gattin und Göttin, ist vernünftig, dafür aber hysterisch. Freia läuft im Kreise herum wie Wildgestochene, kann man auch verstehen, in ihrer Situation. Fasolt und Fafner, die Riesen, sprechen Dialekte und sind Sympathieträger (auch wenn der einer den anderen eines Tages vermurkst). Loge, der Halbgott und Intrigant, ist plötzlich voll normal - seine Rolle wird nicht überspitzt dargestellt, er ist einer von uns, er rappt gerne und gibt sich für einen voll korrekten und menschlichen Typen. Erda, die Urmutter, ist jensets von Gut und Böse, kann man auch nachvollziehen, bei all der Bacchanalie drumherum.

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    Diese Interpretation von Wagners Ring ist eine konsequente Linie mit der Prinz Rupis (Frieling) Übertragung "Der Ring des Nibelungen" (als Buch erschienen): hier wird die Ring-Geschichte nacherzählt - urkomisch, mit knappen Worten und in die Modernität der Massmediae verschoben, so dass Bayreuth nur so knirrscht mit seinen Gold-Zähnen wegen der vermeintlichen Profanisierung und Penetration des Erhabenen durch das Nerdige. Auch in dem Moment, als plötzlich die deutsche Übersetzung der Schwarzen Sprache erklingt, in der die berühmt-berüchtigte Inschrift auf einem (nicht so) ganz anderen Ring verfasst wird:

    Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
    Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.

    Und einige Figuren mutieren zu Gollum. Mögen die Puristen sagen, was sie wollen, Intertextualität ist was sie ist. (Und auf dem Cover des Buches von Frieling funkelt der Tolkiensche Ring ebenso schön umher).

    Alles ist stimmig und stimmungsvoll in dieser Inszenierung - sogar das Licht, ein Element, das man leider als Hörbuch kaum wahrnehmen kann (daher gibt es aber Videoinszenierung als DVDs) - so eine gute Lichtarbeit  wie hier, sieht man selten.

    Und so vergehen 80 Minuten von "Rheingold" wie im Flug (der Walküren), Wagner hat dafür mehr als 2,5 Stunden gebraucht.

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    Und abschliessend ruft Kaminski hallend in den Saal:

    - Hier sind wirklich grossartige Räumlichkeiten. Bockenheimer Depot ist Walhall!

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    Und das stimmt: akustisch und visuell hallt es einen weg vom Hocker, wie es schon immer TAT.

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    Nach der Aufführung eilen die Zuschauer hinunter, zur Bühne, auf welcher Musikinstrumente, Hammer, Thereminvox, Glasharfen, Streichholzer und weitere seltsam klingende Gegenstände auf eine wunderbar chaotische Art und Weise angeordnet sind.

    Das Rheingold:

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    Die Glasharfe:

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    Die Partitur - man sieht, wie lebendig der Text ist - die Metamorphosen sind jedes Mal vorprogrammiert.

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    Mit diesem farbigen Marakas da in der Mitte läuft Freia wie die Wilde durch die Gegend, verzweifelt und entgeistert. RIMG0336

    Der lichtbringende Loge fummelt mit den Streichholzern und bringt - im Gegensatz zu Prometheus - keine richtige Antwort auf die Černyševskij-Frage des verwirrten Verpeilers Wotan: "Was tun?".
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    Die Bühne kann man stundenlang betrachten, doch leider müssen wir los - Walhalle wird für die Nacht geschlossen.

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    Es bleibt nur noch eines: wiederkommen. Denn es ist bei weitem nicht zu Ende. Apokalypse kommt noch.

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    Stefan Kaminski und Ruprecht Frieling.

    Und hier das Making-Of:

    Kunststeckbrief

    Was: Kaminski ON AIR - DER RING DES NIBELUNGEN
    Wo: Bockenheimer Depot
    Wann: Zyklus 1 (11./12./19./20.05.2013), Zyklus 2 (25./26./31.05/03.06.2013)
    Web: Oper Frankfurt / Internet Buchverlag

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