Gibt's genug: die Schulen in Deutschland und Österreich erhalten derzeit kostenlos und unaufgefordert in grossen Mengen die Neu-Ausgabe des Meisterwerkes "Das Schloss" von Kafka. Doch: seltsame, merkwürdige, ja fast unwahrscheinliche Sachen umgeben diese Ausgabe des stolzen jungen österreichischen Verlages Gehlen&Schulz, immerhin als "Die europäische Lese-Initiative" durch EU-Gelder mit 345.000 EUR finanziert und mit der Auflage von 2 Millionen Exemplare realisiert!
Denn, nach Informationen Der Kronenzeitung (Krone.at) sei das Buch voller Tippfehler.
Vgl. Krone:
Da finden sich Gänsehaut-Wortschöpfungen wie "Niemant" oder gleich neue sprachliche Erfindungen wie "K., .er soU" oder "Gerstäkker".
Und FAZ:
Allein die erste Seite versammelt diese Wortprägungen: "Schne", "vermiten", "Wirtstube", "kurze Zeit draauf", "mit schauspielerhaftern Gesicht", "haten", "Mensh", "Niemant", "vorgezeit". So geht es weiter, jeder Fehlschreibwettbewerb würde gewonnen.
Unzumutbar für die Schüler, an die sich die Ausgabe richte. Der Herausgeber jedoch verleugnet diesen Fehler nicht:
Schuld daran ist ein Softwarefehler (Krone)
behauptet er selbstsicher, und gibt noch mehr Senf dazu in dem das Buch begleitenden Brief:
Uns haben Nachrichten erreicht, dass sich ein paar Rechtschreibfehler in die neue Ausgabe eingeschlichen haben. Stimmt, wir haben diese irgendwann einfach zugelassen. Aus ökonomischen Gründen einerseits, andererseits ist Literatur ja auch kein Rechtschreib-Wettbewerb. (FAZ) (komplette Presseerklärung)
Doch weiter - mehr: es stellt sich heraus, dass laut FAZ und Börsenblatt diese Auflage nicht einmal durch EU-Gelder finanziert sei. Seltsamerweise dementieren die Verleger auch diese ja fast schon unglaubliche Verleumdung nicht. Sie erwidern tapfer:
"Ich habe keine Ahnung, wer das jetzt finanziert hat – EU, Österreich, BMVIT, egal. Ich habe auch keine Ahnung, wie diese Tippfehler in das Buch gekommen sind." [...] "Rechtschreibung hin oder her – das interessiert doch niemand. Keiner kann richtig schreiben." (Börsenblatt)
Solche Formulierungen seitens Verleger sind schon bemerkenswert. Zumal erklärt die Webseite des Verlages in grossen Buchstaben:

(Quelle: Gehlen&Schulz)
Ein guter Traum, doch wieso so laut? Andererseits: verständlich. All diese Imageverlust-Angriffe seitens Presse, da kann man nur laut werden! Der Verleger schreibt melancholisch in Twitter:

Das ganze gleicht einer dekonstruktivistischen Farce: ein EU-Projekt im Namen der Aufklärung mit dem tugendhaften Ziel, bei den Schülern die Liebe zum Lesen zu erwecken. Nein, eigentlich, kein EU-Projekt. Und eigentlich voller Tippfehler. Aber who cares? Liest ja eh keiner.
Doch zum Glück sind nicht alle so zynisch wie diese Pressefuzzis von der FAZ und Co, wie die neuste Pressemitteilung des Verlages euphorisch besagt:
Ein wohlhabender Mitbürger teilt unsere Meinung, betreffend der Wichtigkeit, jungen Menschen die Begeisterung und Liebe für Bücher zu vermitteln. Aus diesem Grund hat er Gehlen und Schulz letzte Woche eine Spende von rund 280.000,- Euro überwiesen. Wir werden dieses Geld direkt verwenden, um 100.000 Aufkleber "Bücher sind wichtig!" zu produzieren und diese in ärmeren Wohngegenden verteilen.
(Gehlen&Schulz)
100.000 Aufkleber "Bücher sind wichtig" - und das in ärmeren Wohngegenden verteilt. Was ist dagegen Eure kleinkarierte Geldgeber- und Tipfehler-Sucherei?..
P.S. Doch die Verleger verlieren ihren Optimistischen Humor nicht:

Das ist übrigens, laut der Editions-Liste, Jean-Paul Sartre. Auch wenn nicht Griechenlands Klassiker, egal! Es geht ja schliesslich immer im Endeffekt um die Existenz.
P.P.S. Meine häretische Vermutung: das ganze sei ein Kunstprojekt. So eine Kunstaktion würde ich sogar begrüssen, als eine Art subversives und verwirrendes Spiel mit Medien und Öffentlichkeit. Österreichische Künstler sind ja deswegen berühmt - denke man nur an die Republik Kugelmugel in Wien.

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