szmmctag

Archiv der Einträge: 10 Juni, 2008
  • Superfizialität: Sehnsucht nach Wissen endet in Trieben.

    HINWEIS No.1: Dies ist weder eine offensichtliche, noch eine Schleichwerbung. Wer jedoch werbungsanfällig ist, dem wird geraten, von dem weiteren Lesen abzusehen.
    HINWEIS No.2:
    Es wird langsam arrogant. Die weichen Gemüter bitte Abstand nehmen.

    Meine Freunde, lassen wir uns zunächst dieses photographische Chef-d'œuvre bestaunen und auf sich einwirken.

    Eine Frau liegt auf dem Bett und hört Hörbuch

    Eine formbewusste Nymphe liegt fast schon halbnackt und spitzt die Lippen zu.

    Man beachte auch die signifikante Unterschrift zu diesem Bildnis (denn wenn schon bei Magritte die Unterschriften eine gleich so wichtige Rolle spielten, wie die Gemälden, dann hier schon erst recht).

     Eine Frau liegt auf dem Bett und hört Hörbuch
     Aber schaut zunächst nicht in die Quelle des Bildes: http://portal.gmx.net/de/themen/wissen/shortbooks/1147296-Shortbooks-ist-Wissen-in-Rekordzeit Hier als Screenshot

    Seid Ihr fertig mit dem Bestaunen? Gut, um was es hier geht?
    Richtig, um eine verführerische Gestalt, die uns etwas vorführt. Und nun gehen wir mal den Text auf der obengenannten Seite durch, damit wir, klaren Verstandes und der gezügelten Triebe endlich kognitiv damit auseinandersetzen können.

    Davor möchte ich Sie an die vorherige Lektion erinnern: die Werbungsautoren wenden sich an die Zielgruppe. Hier wird eine grosse Webmail-Plattform als Werbungsfläche genutzt, also ist die Zielgruppe in diesem Fall so gross wie möglich, ergo charakteristisch für unsere Ganze durchschnittliche Gesellschaft. (Ich denke, ich habe die Adjektive irgendwie falsch platziert. Na egal).

    Der Titel:

    Shortbooks ist Wissen in Rekordzeit!
    Aha. Hier wird uns ein schnell und gut bekömmliches Wissen verkauft. Ohne Artikeln, so richtig mit Parataxen. BILD-mässig Lakonisch.
    Heute schafft es doch keiner mehr bei all dem Informationsüberfluss auf dem neuesten Stand zu bleiben! Aber da gibt es Abhilfe - Shortbooks ist Wissen in Rekordzeit!
    Eine Medienkritik? Man wird der Informationenüberflüsse überdrussig, man möchte aber, so wannabe-hip man auch ist, immer auf dem neusten Stand bleiben, und wissen "was geht".
    Haben Sie es auch satt wenn Besserwisser damit prahlen was Sie alles gelesen haben? Oder nervt es Sie im Büro nicht mitreden zu können weil Sie den neuesten Roman nicht gelesen haben? Da fragt sich doch jeder woher soll ich die Zeit dafür nehmen?
     Ja aber wirklich. Die Besserwisser, diese Angeber, sie bauen ihre Statussymbole mit ihrem Wissen. Und ich - was für eine Schande - weiss ja gar nichts... Das Problem ist ja: mir fehlt es an der Zeit. Wann soll ich denn Lesen, wenn ich ja in die Kneipe gehen / Fussball schauen / joggen / Nägel feilen muss.
    (Bitte nicht zu genderspezifisch reagieren - kommt noch).
    (Die Autoren haben übrigens im ersten Satz die Übersicht verloren, wer Sie und wer sie sind. Denn die Besserwisser, so bestens sie auch alles wissen vermögen, können nicht damit prahlen, was ich alles gelesen habe.
    Der vollständige Verzicht auf Kommas veranschaulicht die Fortschritte
    bei der Hörbuchrezeption des Autors.).

    Fernbildung? Zu teuer, zu zeitaufwendig! Diskussionsgruppen? Sind eher was für Spießer mit langer Weile! Nochmal die Schulbank drücken? Um Himmels Willen!

    Ja genau. Was soll ich mit irgendwelcher Fernbildung, wo ich ja das ganze Wissen nur dazu aneignen möchte, um im Büro und auf der Grillparty angeben zu können? Und diese Diskussionsgruppen (sind wohl Foren damit gemeint) - nur der Spießer Goethe weiss, was die da alles reden und reden, da wird "mir [...] von alledem so dumm, als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum". Ich will klipp und klar: Wissen, damit ich angeben kann. Aber Schulbank - davon möchtet Ihr mich bitte verschonen - ich bin schon glücklich, dass ich nun mein Hirn nicht mehr anstrengen muss.
    In Happen, die Sie selbst bestimmen, bekommen Sie auf maximal 5-8 Seiten hochwertige Zusammenfassungen, die Sie sich in maximal 15 Minuten dauerhaft eingeprägt haben. Und am Ende wissen Sie trotzdem alles, was im Originalbuch steht.
    Maximal 15 Minuten! Das ist brav. Das kann ich für so Wissen höchstens leisten (damit ich ja lediglich angeben möchte). Und dann am Ende zu wissen, wen Raskolnikov mit der Axt tat, oder was ist aus dieser minderjährigen Girlfriend von Faust geworden. Da greife ich gleich zu.
    Dabei sollte das "Books" in "ShortBooks" nicht abschreckend wirken, denn das Wissen von monatlich 16 neuen Büchern können Sie sich auch als Hörbuch beim Autofahren, joggen oder Nägel feilen eintrichtern.
    Huch, das ist aber eine große Erleichterung. Ich war schon auf das "Books" stutzig geworden und mit Schrecken war meine Seele erfüllt. Nicht schon wieder! Das einzige Buch, dass ich zu Hause habe, ist mein Telefonbuch, und das ist gross. Und - danke, dass Ihr an alles denkt, liebe Leut - zu lesen während Nägel feilen ist schon ziemlich störend - da habe ich stets vom Lesen abgesehen. Nun aber wird's wohl irgendwie gehen.
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     Werbungsrelevantes wurde meinerseits werbungsentrelevantisiert.
     Mit diesem Service können Sie sich selbst etwas wirklich Gutes tun, denn mit Ihrem neuen und schnell und einfach erlangten Wissen meistern Sie alle privaten und beruflichen Lebenslagen professionell - Und das alles für einen fast schon lächerlichen Preis!

    Ihre Mitmenschen werden Sie wegen Ihres neuen Wissens beneiden!

    Na endlich! Genau das, worüber ich geträumt hatte, und dazu mit auffäligsten Schriftgröße ausgezeichnet, damit ich sofort beim Blikke auf die Seite sehe, was läuft. Ich will, dass ich beineidet werde. Da ich aber anderswie nicht dieses Stadium erreichen kann, kann ich's mindestens mit dem Wissen-Angeben-Verfahren versuchen.
    Viele begeisterte Kunden erzählen immer wieder, dass Sie sich ein Leben ohne ShortBooks nicht mehr vorstellen können. Neugierig geworden? Testen Sie ShortBooks: nur # Euro für # Wochen!
     Ja, wissen macht suchtig, besonders es in kleinen Häppchen und in verdaulichen Medien geliefert wird.

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    ERGO. Der Mensch aud der durchschnittlichen Gesellschaft (schon wieder was mit Adjektiv...) sieht nach dieser Werbungsdimension so aus:

    • neidisch ("diese Besserwisser geben an, ich will aber auch")
    • angeberisch ("ich werde angeben, und alle werden mich beneiden, und das wird gut tun")
    • ungebildet ("was soll ich mit Diskussionsforen, Lesen, Fernbildung, Schulbank?")
    • oberflächlich ("ich will aber lediglich wissen, worum es geht, damit ich angeben kann und die anderen mich beneiden")
    Diese Oberflächlichkeit, oder besser: Superfizialität ist der erste Schritt der Gesellschaft zu einer intellektuellen Implosion, zu einem Gesellschaftsstadium, in welchem nicht das Wesentliche die Rolle spielt, sonder das zufällig status-bezogene. Es geht nur um den Status, nicht um das Erlangen des Wissens, nicht um das Geniessen der Literatur in Qualität (nicht in Quantität). Es geht um sich selber - nicht um Delphische "Gnothi Seautón" , nicht um die Selbsterkennung. Sondern um die Erkennung der Oberflächen, in die man sich zur Statusmanifestation einkleiden kann. Oberflächlichkeit ist des Verstandes Faulheit, die Trägheit des Hirns. Vielleicht nicht das Ende unserer Zivilisation, jedoch sein ein Katalysator.

    P.S. "Un wos macht denn die Fra do, die halbenakkische?" - fragt jemand aus der zweiten Reihe. Nun, sex sells. Und das war übrigens nicht meine Idee.

  • Superfizialität. Einführung

    Heute, liebe Freunde, befassen wir uns mal mit der Superfizialität.

    Jetzt werden manche fragen:
    "was hinkt der Kerl auf einem Fuss?"  "Was wirft der Kerl um sich herum mit nicht existenten Termini?"

    Nun, so inexistent ist dieser Terminus auch wieder nicht. Ausserdem, wie der berühmte Jacque Demolièr in seinem Meisterwerk "Le déluge c'est moi" schrieb:

    "eine begrifflichkeit wird geboren, wenn sie durch die applikative tätigkeit erzwungen wird. somit wird le monde perplexe zu einer subjektbezogenen reflexion von der immerwährenden genese der ohnehin so zweifelhaften glaubhaftigkeit"

    Ja was ist im Grunde eine Superfizialität nicht, als die Oberflächlichkeit. Doch dieses leicht klingendes Wort signifiziert ein verhängnissvolles Phänomen, das für unsere kulturelle Krise besonders symptomatisch ist.

    Krise? - fragt Ihr? -  was für eine Krise?

    Nun, das ist gerade der Casus Knacktus: wir merken es gar nicht, wie wir verblöden - und von Medien superfizialisiert werden.

    Jaja,  - sagt Ihr, - Die medien... Die sind wohl wieder schuld. Wie banal.

    Und Ihr werdet in zweierlei Hinsichten recht haben:

    1. es ist banal
    2. Medien sind schuld (u. A., meine lieben, u.A.)
    Doch die Medien sind eher derer verräterischen Tätigkeit schuldig: sie verraten uns, daß wir verblöden.

    Nehmen wir die Werbung als Beispiel.
    Nein, die Werbung macht uns zwar auch blöde, doch sie zeigt darüberhinaus etwas anderes: sie charakterisiert die Zielgruppe, an die sie (die Werbung) gerichtet wird.

    Bestimmt werdet Ihr nicht zu einem habilitierten Kunstwissenschaftler sagen:
    "ey, die hannah höch is ja sowas von goil! so einen apparat hatte die tussi. voll respekt, ey".

    Und zu einem Fussballspieler werdet ihr kaum sagen:
    "Ihr Vokabular weiset immense Mängel auf. Und es heisst auch nicht "wegen dem Schiedsrichter", sondern "wegen des Schiedsrichters". Ausserdem hätte die aktive Nutzung der Konjuktive bei der Wiedergabe der indirekten Rede
    ihrer Sprachstilistik keine unmittelbar große Schäden anrichten müssen".

    Wir wissen, wie wir kommunizieren sollten, denn wir kennen mehr oder weniger unsere Zielgruppen zum Moment der Kommunikation. Die Werbungsmacher sollen jedoch ihre Zielgruppen kennen, denn sonst geht das ganze Marketingprojekt flöten für die Katz.

    Und nun - in unseren nächsten illustren Runden betrachten wir die besonders frequentierten Bereiche und deren Werbung/Nachrichten-Inhalte. Denn hier ist man Mensch, hier darf man sein. Hier unterliegt man freiwillig dem Gruppenzwang der Sozialisation. Hier wird man auf eine subtile Art und Weise dem Brainwashing unterzogen - ohne es zu wissen, und ohne es nicht willentlich unter die Lupe nehmen können zu wagen.

    Superfizialität

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